Zum Teufel
Eins gleich einmal vorweg: Wow, was für ein Abend! Was das Duo Bratze, bestehend aus ClickClickDecker und Der Tante Renate, an diesem Abend ablieferte, gehört zu dem Besten, was ich bislang an Gigs elektronischer Liveacts gesehen habe. Eine derart unter die Haut gehende Kombination aus Punkrockschweiß und Technoekstase gab es vielleicht in ähnlicher Form bei Atari Teenage Riot zu erleben, aber deren aufgesetzten Anarchie- und Revolutionsduktus, konnte man irgendwie nie wirklich für voll nehmen und außerdem sind Bratze viel sympathischer als Alec Empire.
Aber jetzt auf Anfang. Der Teufel in Heidelberg wird offenbar sonst als Kneipe genutzt, allerdings war der längliche Raum an diesem Abend aller Tische und Sitzgelegenheiten entledigt, um genügend Platz für das zahlreiche Publikum zu schaffen. Das Konzept „Teufel/Hölle“ wird mit vielen Totenköpfen und magmafarbenen Wänden konsequent umgesetzt, aber irgendwie brachte mich das – auch angesichts eines etwas fantasymäßigen Wandbildes – dazu, bis zum Konzertbeginn immer wieder daran zu denken, dass es hier aussieht, wie in einem prototypischen Rollenspielertreff (das mit Würfeln und Drachen).
Gegen beinahe 23.00 betraten Juri Gagarin die Bühne, bei denen es sich ebenfalls um ein Duo handelt und von denen wohl einer von beiden stilecht Russe ist. Da durfte natürlich eine russische Militärmännerchorhymne zur Lobpreisung des Sozialismus´, oder was auch immer üblicherweise Thema dieses Genres ist, als Intro nicht fehlen. Beim Hören von Juri Gagarins Musik in einem Podcast war ich zuvor nicht allzu sehr angetan und fühlte mich nicht wenig an C64 Computerspielmusik erinnert. Live rannten vor meinem geistigen Auge dann aber doch nicht grobgepixelte 8-bit Männchen um die Wette, stattdessen spielte sich in vorsichtigen Ansätzen ein 80er getränkter Breitwandrave in Neon ab, der aber immer dann einriss, wenn die Melodien ins Infantile abschmierten oder sich die Sounds zu sehr Casiokeyboardakkordeonpresets annäherten. Das Set von den dem Wodka auf der Bühne zugeneigten Juri Gagarin stimmte jedenfalls sehr schön auf das noch Kommende ein und nährte angesichts der Übertreffung meiner Erwartungen die Hoffnung auf Großartiges.
Mit einem Laptop, Keyboard, Groovebox, diversen Effekten und einer elektrischen Gitarre schickten sich dann Bratze an, zu zeigen, dass sie ihre eigene Norm sind.
Schon allein aufgrund des Neurosis Aufklebers auf ClickClickDeckers 303 konnte man erahnen, was für einen Bogen Bratze spannen werden. Nicht, dass sich in Bratzes Musik wirklich Neurosis´ Hardcorebrachialität wiederfinden würde, aber die beiden zeigen doch, was für einen Weg man trotz oder vielleicht auch gerade wegen einer Indie-/Punk-/Hardcoresozialisation gehen kann, die Bratze hiermit ohne weitere Belege unterstellt sein möge. Auf keinen Fall darf jetzt aber der Schluss gezogen werden, dass jemand, der das Technoproduktionswerkzeug überhaupt mit Aufklebern von Relapse Bands verziert, schlimmes Rock-Techno Crossovergedöns, wie beispielsweise Apollo 440 fabriziert. Bei Bratze fließt alles nicht nur ganz natürlich, sondern geradezu zwingend zusammen und wenn eine Zerrgitarre auf four-to-the-floor Beats trifft, dann ist das keine geschmacklose Anbiederung an vermeintlich Modernes, sondern muss hier so sein.
ClickClickDecker, der passend zu Bratzes lyrischer Aussage, man sei die neue Unterschicht, die allen Reformen die Beine bricht, im Assi-Chic, namentlich einer Adidas Jogginghose antrat, wechselte sich beim Gitarrespielen mit Der Tante Renate ab und übernahm den insistierenden, hingebungsvollen und fordernden Gesang und obwohl Bratze sicher humorvoll sind, gab es hier sowohl musikalisch als auch was das Auftreten angeht, rein gar nichts Komikerhaftes zu vernehmen, sondern vielmehr eine Ernsthaftigkeit, die Spaß haben will, aber echt jetzt!
Dem Publikum im fast brechend gefüllten Teufel war der Spaß jedenfalls anzusehen. Das studentische Jungvolk, halb trunken vom Alkohol, halb trunken von der Musik im Grenzbereich zwischen Song und Track, ravte und pogte durch Nebelschwaden und Stroboskopgewitter, dass man bei ausgeschalteter Musik nicht hätte sicher sein können, ob es sich um eine Szene im SO36 oder der Panorama Bar handelte (gut, den Raum selbst hätte man sich auch noch wegdenken müssen).
Bratzes kickende Beats, knarzende Synthies und die beides umschlingende Gitarre, die alle zusammen immer wieder „Kraft, Kraft, Kraft“ sagen, reichen aus, um für etwas mehr als eine Stunde hinter den Clubtüren eine Welt ohne Dummsprech, schlimme Musik und falsche Haltungen entstehen zu lassen. Bratze, immer wieder gerne und verdient haben sie Größeres, auch wenn man so etwas Großartiges viel lieber für sich im kleinen Rahmen behalten möchte.
Eins gleich einmal vorweg: Wow, was für ein Abend! Was das Duo Bratze, bestehend aus ClickClickDecker und Der Tante Renate, an diesem Abend ablieferte, gehört zu dem Besten, was ich bislang an Gigs elektronischer Liveacts gesehen habe. Eine derart unter die Haut gehende Kombination aus Punkrockschweiß und Technoekstase gab es vielleicht in ähnlicher Form bei Atari Teenage Riot zu erleben, aber deren aufgesetzten Anarchie- und Revolutionsduktus, konnte man irgendwie nie wirklich für voll nehmen und außerdem sind Bratze viel sympathischer als Alec Empire.
Aber jetzt auf Anfang. Der Teufel in Heidelberg wird offenbar sonst als Kneipe genutzt, allerdings war der längliche Raum an diesem Abend aller Tische und Sitzgelegenheiten entledigt, um genügend Platz für das zahlreiche Publikum zu schaffen. Das Konzept „Teufel/Hölle“ wird mit vielen Totenköpfen und magmafarbenen Wänden konsequent umgesetzt, aber irgendwie brachte mich das – auch angesichts eines etwas fantasymäßigen Wandbildes – dazu, bis zum Konzertbeginn immer wieder daran zu denken, dass es hier aussieht, wie in einem prototypischen Rollenspielertreff (das mit Würfeln und Drachen).
Gegen beinahe 23.00 betraten Juri Gagarin die Bühne, bei denen es sich ebenfalls um ein Duo handelt und von denen wohl einer von beiden stilecht Russe ist. Da durfte natürlich eine russische Militärmännerchorhymne zur Lobpreisung des Sozialismus´, oder was auch immer üblicherweise Thema dieses Genres ist, als Intro nicht fehlen. Beim Hören von Juri Gagarins Musik in einem Podcast war ich zuvor nicht allzu sehr angetan und fühlte mich nicht wenig an C64 Computerspielmusik erinnert. Live rannten vor meinem geistigen Auge dann aber doch nicht grobgepixelte 8-bit Männchen um die Wette, stattdessen spielte sich in vorsichtigen Ansätzen ein 80er getränkter Breitwandrave in Neon ab, der aber immer dann einriss, wenn die Melodien ins Infantile abschmierten oder sich die Sounds zu sehr Casiokeyboardakkordeonpresets annäherten. Das Set von den dem Wodka auf der Bühne zugeneigten Juri Gagarin stimmte jedenfalls sehr schön auf das noch Kommende ein und nährte angesichts der Übertreffung meiner Erwartungen die Hoffnung auf Großartiges.
Mit einem Laptop, Keyboard, Groovebox, diversen Effekten und einer elektrischen Gitarre schickten sich dann Bratze an, zu zeigen, dass sie ihre eigene Norm sind.
Schon allein aufgrund des Neurosis Aufklebers auf ClickClickDeckers 303 konnte man erahnen, was für einen Bogen Bratze spannen werden. Nicht, dass sich in Bratzes Musik wirklich Neurosis´ Hardcorebrachialität wiederfinden würde, aber die beiden zeigen doch, was für einen Weg man trotz oder vielleicht auch gerade wegen einer Indie-/Punk-/Hardcoresozialisation gehen kann, die Bratze hiermit ohne weitere Belege unterstellt sein möge. Auf keinen Fall darf jetzt aber der Schluss gezogen werden, dass jemand, der das Technoproduktionswerkzeug überhaupt mit Aufklebern von Relapse Bands verziert, schlimmes Rock-Techno Crossovergedöns, wie beispielsweise Apollo 440 fabriziert. Bei Bratze fließt alles nicht nur ganz natürlich, sondern geradezu zwingend zusammen und wenn eine Zerrgitarre auf four-to-the-floor Beats trifft, dann ist das keine geschmacklose Anbiederung an vermeintlich Modernes, sondern muss hier so sein.
ClickClickDecker, der passend zu Bratzes lyrischer Aussage, man sei die neue Unterschicht, die allen Reformen die Beine bricht, im Assi-Chic, namentlich einer Adidas Jogginghose antrat, wechselte sich beim Gitarrespielen mit Der Tante Renate ab und übernahm den insistierenden, hingebungsvollen und fordernden Gesang und obwohl Bratze sicher humorvoll sind, gab es hier sowohl musikalisch als auch was das Auftreten angeht, rein gar nichts Komikerhaftes zu vernehmen, sondern vielmehr eine Ernsthaftigkeit, die Spaß haben will, aber echt jetzt!
Dem Publikum im fast brechend gefüllten Teufel war der Spaß jedenfalls anzusehen. Das studentische Jungvolk, halb trunken vom Alkohol, halb trunken von der Musik im Grenzbereich zwischen Song und Track, ravte und pogte durch Nebelschwaden und Stroboskopgewitter, dass man bei ausgeschalteter Musik nicht hätte sicher sein können, ob es sich um eine Szene im SO36 oder der Panorama Bar handelte (gut, den Raum selbst hätte man sich auch noch wegdenken müssen).
Bratzes kickende Beats, knarzende Synthies und die beides umschlingende Gitarre, die alle zusammen immer wieder „Kraft, Kraft, Kraft“ sagen, reichen aus, um für etwas mehr als eine Stunde hinter den Clubtüren eine Welt ohne Dummsprech, schlimme Musik und falsche Haltungen entstehen zu lassen. Bratze, immer wieder gerne und verdient haben sie Größeres, auch wenn man so etwas Großartiges viel lieber für sich im kleinen Rahmen behalten möchte.