Montag, 21. Januar 2008

Immaculate Machine, Mannheim 20.01.2008

Alte Feuerwache


Nonchalant spät auf Konzerte zu kommen ist beinahe eine eigene Kunst. Einerseits möchte man nicht länger als 5 Minuten auf den ersten Ton warten müssen, nachdem man sich eventuell ein Bier oder eine Cola (keine Plörre aka Bionade) besorgt und sich durch das restliche Publikum gedrängt hat, um durch die Erlangung des bestmöglichen Blicks auf die Bühne des Konzerts auch visuell teilhaftig zu werden, und zwar idealerweise ohne kleineren Mädchen den eigenen Rücken vor deren Sichtfeld zu schieben, andererseits möchte man nicht so spät kommen, dass man auch nur den Beginn des Konzerts verpasst. Angesichts all der vielen unsicheren Faktoren, die auf den Konzertbeginn von Einfluss sind, ist das Eintreffen genau zum richtigen Zeitpunkt maßgeblich der eigenen Intuition geschuldet, wobei ein gewisses Maß an Erfahrung und Kenntnis über der Gepflogenheiten der jeweiligen Lokalität eine nicht zu unterschätzende Grundlage für das Bilden der Ahnung, wann aufzubrechen ist, darstellen.
Meinem dramatisch zu späten Eintreffen auf das Konzert von Immaculate Machine könnte entnommen werden, dass ich diese Kunst nicht im Ansatz zu beherrschen vermag, schließlich war die Aufführung schon im vollen Gange als ich ankam. Ich jedoch weiß, dass es mich im Innern schon wesentlich früher in die Alte Feuerwache drängte und lediglich äußere Umstände mich an meinem rechtzeitigen Aufbruch hinderten.
Die Band spielte nicht im großen Saal der Feuerwache, sondern im angrenzenden Café, wobei aber kein Eintritt verlangt wurde, was den Damen und Herren von der brandherd Reihe, die einen u.a. auch schon mit Dufus zu beglücken wussten, als ganz besonders charmant anzurechnen ist. Weniger erquicklich war allerdings der, infolge des für das Café doch sehr starken Publikumsandrangs, unzureichende Blick auf die Bühne. Genau genommen bekam ich nur ein Drittel der eine Frau und zwei Männer starken Band zu Gesicht, da der Rest für mich uneinsehbar hinter einem Wandvorsprung verschwand. Ausgeglichen wurde das Zusammenkommen all dieser misslichen Umstände indes durch einen Wohlklang, der sich trotz aller Süße über ausreichend Bissfestigkeit auszeichnete und in dem ein angemessenes Maß an Schwermut als Kontrapunkt das Gleichgewicht sicherte. Um über solche nur leidlich einfallsreichen synästhetischen Umschreibungen hinwegzukommen sollen die harten Fakten zu Immaculate Machine zur Sprache kommen: Das Trio, bestehend aus Kathryn Calder – Keyboard und Gesang –, Brooke Galupe und Luke Kozlowski – Gitarre, Gesang und Schlagzeug – kommt aus Kanada und die Bezeichnung Indiepop wäre für ihre Musik wohl nicht die fernliegenste. Teilweise erinnerten sie mich ein wenig an Metric, allerdings ist bei Immaculate Machine bei vielen Stücken ein deutlicher Garage-Einschlag zu hören. Bei dem Intro eines Stückes dachte ich, jetzt komme ein Cover von Last Night, nur um dann mit einem Beach Boys Zitat konfrontiert zu werden, was wohl überraschend gewesen wäre, hätte Kathryn Calder nicht den Song damit angekündigt, dass sie große Beach Boys Fans seien. Im weiteren Verlauf musste ich an The Anniversary denken, da Fr. Calders Gesang in leichter Wehmut und Dringlichkeit doch dem von Adrianne Verhoeven nahe steht. Zugegebenermaßen bin ich nicht allzu gut mit den Studioaufnahmen von Immaculate Machine vertraut, live dominiert aber doch eine gewisse Holprigkeit, was sich aber nicht wirklich qualitätsmindernd, sondern eher sympathiesteigernd auswirkt und den Garagefaktor erhöht. Dennoch hatte ich den Eindruck, dass sich der – für mich unsichtbare – Drummer mit der Lautstärke angesichts der Nähe des Publikums und der Größe des Raumes zurückhielt, ein weiterer Minuspunkt für das Café, aber ein Grund mehr, sich die Band noch einmal in nicht ganz so beengtem Rahmen anzuschauen. Nach etwa 1 ¼ Stunden Spielzeit coverte die Band Time of the Season, um sich dann dem Merchandise-Verkauf von der Bühne aus zu widmen.

Montag, 14. Januar 2008

Die besten Konzerte 2007

1. Sonic Youth im Schlachthof Wiesbaden:

Fast mehr als zehn Jahre, nachdem ich mir mein erstes Sonic Youth Album zugelegt habe, endlich die Gelegenheit, eine der Götterbands meiner Teenagerjahre, die ich immer noch genauso klasse finde wie damals, live zu sehen. Überraschend, was für ein langer Lulatsch Thurston Moore ist und dass sich im Publikum Männer finden, die keine Hemmungen haben, ihre nackten verschwitzten Oberkörper beim „Tanzen“ an so viele Umstehende wie nur möglich zu reiben, während eine der coolsten Bands aller Zeiten hauptsächlich Songs von Daydream Nation und Rather Ripped spielt.



2. LCD Soundsystem in der Alten Feuerwache Mannheim:

Kaum zu glauben, dass bei James Murphys phänomenalem Mutant-disco-electro-dance-punk die Alte Feuerwache nicht aus allen Nähten platzt, zumal es sich um das einzige Deutschland Konzert in der zweiten Jahreshälfte 2007 handelt. Herr Murphy verausgabt sich gänzlich trotz Krankheit und eine Band mit einem hohlkreuzigen Drummer mit Hippievollbart, der wie ein Roboter spielt, kann nur gewinnen. Zum Schluss noch ein Joy Division Cover - No Love Lost - und alles ist super.



3. Cat Power im Karlstorbahnhof Heidelberg:

Chan Marshall wankt betrunken mit den Haaren im Gesicht auf die Bühne und bricht das Konzert nach drei Liedern ab – auf ein solches Szenario hatte ich mich ja eingestellt, bis eine apart gekleidete, mit streng zurückgenommenen Haaren und vor allem fast gut gelaunte Katzekraft auf die Bühne kommt, um ausschließlich Songs von The Greatest und Coverversionen zu spielen. Sehr bluesig und – ja, man muss wohl sagen: leider – meilenweit von Lieblingsliedern wie Metal Heart oder He War entfernt, aber einer der besten Vokalistinnen überhaupt kann man es auch verzeihen, auf die wenig originelle Idee zu kommen, I can’t get no satisfaction zu covern. So sympathisch wie ich CP an diesem Abend finde, will ich gar nicht in die Verlegenheit kommen, sie einmal kennen zu lernen, um mein an diesem Abend gewonnenes Idealbild nicht durch die Konfrontation mit der Wirklichkeit zu gefährden.



4. Animal Collective im Karlstorbahnhof Heidelberg:

Noch nie gehörte Musik, immer anders, wahnwitzig, wahre Künstler und genau richtig, um einen gewissen Distinktionsvorsprung zu gewinnen, nachdem Indierock das neue Ballermann ist (siehe Intro-Forum) und demnächst wohl selbst Joy Division von der Masse in Beschlag genommen werden wird. Da fällt mir ein: Liebe Veranstalter, wir Freunde schwer kategorisierbarer Musik wären ganz aus dem Häuschen, wenn Ihr Xiu Xiu, Black Dice und Gang Gang Dance buchen würdet! Außerdem noch Autechre, denn DAS wird ja mal wirklich Zeit!



5. The Weakerthans im Karlstorbahnhof Heidelberg:

Klingen zwar seit vier Alben exakt gleich, aber trotzdem wird’s einem immer wieder warm ums Herz, auch wenn man sich vorgenommen hat, endlich damit aufzuhören, Musik aus rein emotionalen Gründen zu mögen, schließlich ist die Pubertät ja schon ein Weilchen her, aber die Fassade der Abgebrühtheit fängt von Zeit zu Zeit dann doch an zu bröckeln, und wer beim Hören, wie die arme Katze Virtute nicht mehr nach hause findet, nicht einmal ein bisschen traurig wird, verkauft auch des eigenen Kindes Niere (sollte man eins haben), um den Bier- und Schnapsvorrat für die nächsten Monate zu sichern.