Dienstag, 23. Oktober 2007

Animal Collective, Heidelberg 21.10.2007

Karlstorbahnhof

Halbwegs pünktlich beginnende Konzerte können ein wahrer Fluch sein, wenn man sich auf einen späten Beginn einstellt und davon ausgeht, schlimmstenfalls teilweise die Vorband zu verpassen. Eine dreiviertel Stunde nach offiziellem Konzertbeginn traf ich in den Saal des Karlstorbahnhofs ein und drei Männer auf der Bühne gaben bereits interessant abgedrehte Musik zum Besten. Gut, dachte ich, – in der Annahme, dass Animal Collective ja wohl zu viert auf der Bühne stehen müssten – das wird die isländische Vorband sein, bis nach etwa fünfzehn Minuten „Unsolved Mysteries“ vom aktuellen AC Album „Strawberry Jam“ gespielt wurde und somit klar war, dass es sich bei den Musikern auf der Bühne um den Hauptact handelte. Entweder war die Vorband verdammt schnell mit ihrem Set fertig oder sie fiel komplett aus, wobei mir Letzteres wahrscheinlicher erscheint.

Der Umstand, dass ich mich jetzt noch darüber aufrege, das AC Konzert nicht vollständig mitbekommen zu haben, ist schon mal ein starkes Indiz für die Großartigkeit dieses Ereignisses.

Was AC auf der Bühne präsentieren, hebt sich deutlich vom Konzertbegriff anderer Bands ab. Wo sonst die Begeisterung des Publikums oft in wesentlichen Teilen aus dem Wiedererkennen von Bekanntem herrührt, wirken AC diesem Effekt geradezu entgegen, indem sie das Material ihrer Alben teilweise dekonstruieren, Elemente in den Vordergrund stellen, die sich bislang im Verborgenen hielten oder den Songs einfach ein völlig neues Klanggewand verpassen. Die einzelnen Stücke fransen zum Ende hin aus und verweben sich neu mit dem Kommenden, sodass ein Konzert bis auf etwa zwei kurze Unterbrechungen ein einheitliches Ganzes bildet, was dazu führt, dass man nach über einer halben Stunde für einen kurzen Moment aus einem geradezu hypnotischen Zustand erwacht und sich wundert, noch kein einziges Mal applaudiert zu haben.

Entsprechend dem elektronischen Weg, den AC auf „Strawberry Jam“ eingeschlagen haben, spielt auch auf der Bühne die akustische folkige Instrumentierung der Alben „Sung Tongs“ und „Feels“ keine Rolle mehr. Die Sounds kamen daher auch im Wesentlichen von allerlei elektronischen Gerätschaften, an denen Geologist (mit einer Taschenlampe auf dem Kopf geschnallt) und Panda Bear herumschraubten, während Avey Tare – neben Panda Bear– zum Großteil sang, gelegentlich Gitarre und Keyboard spielte und Percussioneinsprengsel einwarf.

Was die Klangästhetik von AC im Vergleich zu sagen wir mal einer konventionellen Indierockband in geradezu maßloser Weise transportiert, ist die Idee und das Gefühl von Freiheit von Gewohntem und von Konventionen, da Anbindungen zu geläufigen Musikstilen praktisch nicht vorhanden sind; es stellt sich das Gefühl ein, dass man hier etwas völlig Neues zu hören bekommt. Klar, der Subbass hier und da oder gewisse Synthiesounds vermitteln eine Ahnung von Clubmusik, aber nur um daraufhin vom lautmalerischen Gesang überlagert zu werden und sich auf keinen Fall dem Diktat einer schematischen Funktionalität zu unterwerfen, die oft mit elektronischer Tanzmusik verbunden werden kann.

Gelegentlich meinte man, im nächsten Moment die technomäßige Abfahrt oder einen rockistischer Ausbruch vorausblicken zu können, strukturell legten AC in einigen Stücken jedenfalls die Grundlage sowohl für die eine, wie auch für die andere Konsequenz. Diese Erwartungen wurde jedoch nicht erfüllt, stattdessen zogen AC das Publikum immer tiefer in einen Sog aus flirrenden Synthiesounds („#1“), sich langsam aus Beatgewitter herausschälenden Semihymnen („Fireworks“) und Avey Tares wild die Oktaven wechselndem Gesang, der insgesamt eher wie ein zusätzliches Instrument eingesetzt wurde. Das Aufbauen von letztlich nicht aufgelöster Spannung, das vom Publikum auch während der Stücke mit Rufen und Pfiffen der Begeisterung honoriert wurde, fand seinen Höhepunkt in „We Tigers“, das aus kaum mehr als wütendem synchronen Geshoute der drei Musiker bestand und vom gleißenden Licht der entlang des hinteren Bühnenrandes aufgebauten LED Leuchten, die während des ganzen Konzerts in Verbindung mit der Musik zur wahren Reizüberflutung im besten Sinn beitrugen, in seiner Wirkung nochmals potenziert wurde.

Nach einer Zugabe –„Leaf House – endete ein Konzert, das man mit dem Gefühl verlassen durfte, wirklich Außergewöhnlichem beigewohnt zu haben.

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