Dufus, deren Bekanntheitsgrad sich hierzulande doch sehr in Grenzen halten dürfte, kommen aus New York und um das, was sie machen, benennen zu können, wird gerne das Label Antifolk bemüht, kein Wunder bei Mates wie Jeffrey Lewis und Regina Spektor. Über 20 Musiker wirken teilweise an den Alben mit und auch live kann die Besetzung durchaus den üblichen Bandrahmen bei weitem sprengen, wobei der Mittelpunkt und konstante Faktor in der Person von Seth Faergolzia liegt, der bereits 1997 mit Dufus das Album First Born veröffentlichte, dem im Laufe der Zeit zehn weitere folgten, aktuell The Last Classed Blast, das im Gegensatz zu seinen Vorgängern nicht nur als Import, sondern regulär in Deutschland erhältlich ist, was vielleicht dazu beitragen wird, der sträflichen Ignoranz, die Dufus bislang in Europa entgegengebracht wurde, entgegenzuwirken.
An diesem Abend fanden sich etwa 80 Besucher zum Konzert ein, was, wie ich von Seth nach dem Konzert erfahren durfte, im üblichen zahlenmäßigen Rahmen der aktuellen Tour liegt (lediglich in Österreich spielten sie zu ihrer eigenen Überraschung auch mal vor 300 Leuten), die mit einem Konzert in Berlin heute ihren Abschluss findet.
Das (der, die?) Zeitraumexit ist eine neue Lokalität für Konzerte in Mannheims Jungbusch, einer Gegend, die bis vor ein paar Jahren für viele halbwegs Ortskundige als Synonym für Rotlichtsumpf, mafiöse Dominanz, dunkle Ecken schlechthin und damit als absolute No-Go Area galt. Düstere, seit Jahrzehnten ungenutzte zum stillgelegten Hafen gehörende Lager trugen das ihrige dazu bei, jedem in der Gegend Wohnenden einen angemessenen Anteil Mitgefühl angesichts dieses schweren Loses zukommen zu lassen. Dabei gab es dort schon immer einige der außergewöhnlichsten, sich vom Normalmaß Mannheims deutlich absetzenden, Kneipen, was Einrichtung, Getränkepreise und Musik angeht, so dass der Jungbusch eigentlich immer einen Besuch wert war und aufgrund der mitunter tollen - wenn auch sanierungsbedürftigen - Altbauwohnungen zu erschwinglichen Mieten ließ bzw. lässt es sich dort auch gut leben. Mittlerweile ist der Jungbusch Standort der Popakademie, eines bekannten Radiosenders, kommt nach verschiedenen Sanierungsmaßnahmen nicht mehr ganz so schmuddelig daher und so finden sich allmählich Leute, die zuvor nie im Traum daran gedacht hätten, einen Fuß in diese Gegend zu setzen, zu diversen Veranstaltungen in den Stadtteil ein. Bei den Besuchern des gestrigen Abends kann zwar ausgeschlossen werden, dass diese sich früher nicht in den Jungbusch zu begeben wagten, aber ebenso, unterstelle ich einfach mal, hatte deren Erscheinen wohl weniger originär mit Dufus zu tun, als mit einer gewissen Cliquenbildung um den Veranstalter und gerade mit der Tatsache, dass es im Jungbusch etwas Neues gibt.
In der Erwartung, einen kleinen, dunklen Hinterhofclub vorzufinden, war ich überrascht, dass das zweigeschossige Zeitraumexit in jungfräulichem Weiß erstrahlte und das Ambiente mit den weintrinkenden Menschen eher Assoziationen in Richtung Ausstellungseröffnung weckte und weniger ein Konzert vermuten ließ, bei dem eine Band in Musik und Auftreten deutlich aufzeigt, was mit dem Anti in Antifolk gemeint sein könnte.
Dufus traten zu viert auf und begannen ihr Konzert damit, durch das Publikum zu laufen, tief zu summen und mit Bierflaschen Pfeiftöne zu erzeugen. Allmählich fanden sie sich auf der Bühne ein, um mit ihren Instrumenten, also Bass, Schlagzeug, Gitarre und Lärmkram (dazu gleich mehr) einen Klangteppich zu entfalten, der insbesondere vom Bassisten mit Sounds bereichert wurde, die man diesem Instrument, wäre man nicht Augenzeuge gewesen, nicht zugeschrieben hätte. Das Gesumme entwickelte sich nach einer Weile zum Pfeifen und schließlich zu einem hyänengleichen Geschnatter, das in wohoo Rufen kulminierte. In seiner Schrägheit stand das Bühnenoutfit von ¾ der Band dem soeben Beschriebenen in nichts nach: Seth trug ein sog. Clothestume, das ich in meiner Unwissenheit zuerst als, öhem, pennermäßiges Fetzenoutfit beschrieben hätte, der Schlagzeuger hatte eine Rittermaske auf und der Mann am Lärmkram eine rote Robe mit Kapuze unter der ein lächerliches Artisten-/Superheldenkostüm zum Vorschein kam.
Experimenteller Noise ist jedoch nicht das Hauptanliegen von Dufus, in all der Abgedrehtheit befinden sich auch durchaus konventionell arrangierte Lieder, (auf die klassische Strophe – Refrain – Strophe Struktur wird dennoch fast völlig verzichtet), wobei meine Wertschätzung der des Publikums offenbar diametral entgegenlief. Es drängte sich nämlich der Eindruck auf, dass das Publikum, dessen Altersschnitt übrigens mit deutlich über Mitte 30 über dem lag, was man sonst auf Konzerten dieser Art erwarten würde, den gefälligeren Stücke ganz besonders zusprach, während mir gruselige Assoziationen wie Melissa Etheridge durch den Kopf schossen, die glücklicherweise keine Gelegenheit fanden, sich zu perpetuieren, da Dufus doch immer rechtzeitig die Kurve kriegten und genügend Brüche und weirde Sounds einbauten, so dass sie dem Vorwurf der Glattgebügeltheit zuvorkamen. Zum einen entfernte sich nämlich der Gesang sehr oft aus der normalen Singer/Songwriter Ebene und näherte sich Gefilden an, in die Mike Patton mit Mr. Bungle und Fantomas schon ganz weit vorgestoßen ist, zum anderen widmete sich, wie bereits angedeutet, ein Musiker mit verschiedenem Geräten, wie einem elektrischen Drumstick für Kinder, einem Minikeyboard, einem Diktiergerät, womit er Passagen aufzeichnete und durch diverse Effekte verfremdet wiedergab, und einem – oho, ungewöhnlich und auf den ersten Blick gefährlich – Rasentrimmer der klanglichen Bereicherung, Untermalung und schlicht Lärmerzeugung. Besondere Größe zeigte sich immer dann, wenn sich aus all der Schrägheit und unter den Schichten zunächst wenig eingängiger Gitarrenfiguren herzergreifende Melodien herausschälten, die nicht auf den schnellen Effekt abzielten. In der Eigenschaft, aus Chaos Schönheit zu schöpfen fallen im Zusammenhang mit Dufus übrigens immer wieder die Namen Captain Beefheart und Frank Zappa.
Erwähnt werden muss unbedingt noch Dufus’ Nähe zur Performance Kunst, wobei jedoch der Übergang zur Possenreißerei fließend war. Zwischen den Stücken ließ sich die Band immer wieder zu dadaistischen Miniaturen hinreißen – oder machte einfach nur Blödsinn. Da rollte der Mann im Superheldenkostüm auf einem Brett durchs Publikum und unter der Bühne herum, später bot ihm Seth freundschaftlich „a punch in the face“ an, den er freudig annahm und auch schlichtes Topf- bzw. Schüsselschlagen wusste die Band zuerst im Sinne der Performance, dann in dem des Songs zu nutzen. Überhaupt ließ die Band sich und dem Publikum keine ruhige Minute, immer wieder gingen die Musiker bspw. in den Gitarrenstimmpausen aufeinander ein, erzeugten schönen Lärm und ließen eine Virtuosität zum Vorschein kommen, die niemals zum Selbstzweck wurde.
Nach einem außergewöhnlich langem Set – über 2 Stunden – fand das Theater sein Ende und man durfte sich an den außergewöhnlich günstigen Preisen am Merchandise Stand erfreuen. Bleibt nur noch zu wünschen, dass Dufus die berechtigte Aufmerksamkeit zu Teil wird. Nicht mal so sehr der Band wegen, sondern all der Menschen, die sich sonst weniger Hervorragendem widmen.
Nach dem Konzert schrieb mir Seth freundlicherweise noch eine Liste der gespielten Lieder auf, also keine richtige Setlist, da er sich aufgrund der spontanen Entscheidung, was zu spielen sei, nicht mehr an die korrekte Reihenfolge erinnern konnte:
Babylon Com
Neuborns
Weemamoo
Giving inn
Only down
Black + blue
How I whistle
First time
Fast touch
Turdburger
Tutu
Freedom
Wrinkle
Silly baboon
Specinal
Fun wearing underwear
Ploo-n-brof
Dawn crusade