Sonntag, 18. November 2007

Dufus, Mannheim 17.11.2007

Zeitraumexit

Dufus, deren Bekanntheitsgrad sich hierzulande doch sehr in Grenzen halten dürfte, kommen aus New York und um das, was sie machen, benennen zu können, wird gerne das Label Antifolk bemüht, kein Wunder bei Mates wie Jeffrey Lewis und Regina Spektor. Über 20 Musiker wirken teilweise an den Alben mit und auch live kann die Besetzung durchaus den üblichen Bandrahmen bei weitem sprengen, wobei der Mittelpunkt und konstante Faktor in der Person von Seth Faergolzia liegt, der bereits 1997 mit Dufus das Album First Born veröffentlichte, dem im Laufe der Zeit zehn weitere folgten, aktuell The Last Classed Blast, das im Gegensatz zu seinen Vorgängern nicht nur als Import, sondern regulär in Deutschland erhältlich ist, was vielleicht dazu beitragen wird, der sträflichen Ignoranz, die Dufus bislang in Europa entgegengebracht wurde, entgegenzuwirken.

An diesem Abend fanden sich etwa 80 Besucher zum Konzert ein, was, wie ich von Seth nach dem Konzert erfahren durfte, im üblichen zahlenmäßigen Rahmen der aktuellen Tour liegt (lediglich in Österreich spielten sie zu ihrer eigenen Überraschung auch mal vor 300 Leuten), die mit einem Konzert in Berlin heute ihren Abschluss findet.
Das (der, die?) Zeitraumexit ist eine neue Lokalität für Konzerte in Mannheims Jungbusch, einer Gegend, die bis vor ein paar Jahren für viele halbwegs Ortskundige als Synonym für Rotlichtsumpf, mafiöse Dominanz, dunkle Ecken schlechthin und damit als absolute No-Go Area galt. Düstere, seit Jahrzehnten ungenutzte zum stillgelegten Hafen gehörende Lager trugen das ihrige dazu bei, jedem in der Gegend Wohnenden einen angemessenen Anteil Mitgefühl angesichts dieses schweren Loses zukommen zu lassen. Dabei gab es dort schon immer einige der außergewöhnlichsten, sich vom Normalmaß Mannheims deutlich absetzenden, Kneipen, was Einrichtung, Getränkepreise und Musik angeht, so dass der Jungbusch eigentlich immer einen Besuch wert war und aufgrund der mitunter tollen - wenn auch sanierungsbedürftigen - Altbauwohnungen zu erschwinglichen Mieten ließ bzw. lässt es sich dort auch gut leben. Mittlerweile ist der Jungbusch Standort der Popakademie, eines bekannten Radiosenders, kommt nach verschiedenen Sanierungsmaßnahmen nicht mehr ganz so schmuddelig daher und so finden sich allmählich Leute, die zuvor nie im Traum daran gedacht hätten, einen Fuß in diese Gegend zu setzen, zu diversen Veranstaltungen in den Stadtteil ein. Bei den Besuchern des gestrigen Abends kann zwar ausgeschlossen werden, dass diese sich früher nicht in den Jungbusch zu begeben wagten, aber ebenso, unterstelle ich einfach mal, hatte deren Erscheinen wohl weniger originär mit Dufus zu tun, als mit einer gewissen Cliquenbildung um den Veranstalter und gerade mit der Tatsache, dass es im Jungbusch etwas Neues gibt.

In der Erwartung, einen kleinen, dunklen Hinterhofclub vorzufinden, war ich überrascht, dass das zweigeschossige Zeitraumexit in jungfräulichem Weiß erstrahlte und das Ambiente mit den weintrinkenden Menschen eher Assoziationen in Richtung Ausstellungseröffnung weckte und weniger ein Konzert vermuten ließ, bei dem eine Band in Musik und Auftreten deutlich aufzeigt, was mit dem Anti in Antifolk gemeint sein könnte.

Dufus traten zu viert auf und begannen ihr Konzert damit, durch das Publikum zu laufen, tief zu summen und mit Bierflaschen Pfeiftöne zu erzeugen. Allmählich fanden sie sich auf der Bühne ein, um mit ihren Instrumenten, also Bass, Schlagzeug, Gitarre und Lärmkram (dazu gleich mehr) einen Klangteppich zu entfalten, der insbesondere vom Bassisten mit Sounds bereichert wurde, die man diesem Instrument, wäre man nicht Augenzeuge gewesen, nicht zugeschrieben hätte. Das Gesumme entwickelte sich nach einer Weile zum Pfeifen und schließlich zu einem hyänengleichen Geschnatter, das in wohoo Rufen kulminierte. In seiner Schrägheit stand das Bühnenoutfit von ¾ der Band dem soeben Beschriebenen in nichts nach: Seth trug ein sog. Clothestume, das ich in meiner Unwissenheit zuerst als, öhem, pennermäßiges Fetzenoutfit beschrieben hätte, der Schlagzeuger hatte eine Rittermaske auf und der Mann am Lärmkram eine rote Robe mit Kapuze unter der ein lächerliches Artisten-/Superheldenkostüm zum Vorschein kam.
Experimenteller Noise ist jedoch nicht das Hauptanliegen von Dufus, in all der Abgedrehtheit befinden sich auch durchaus konventionell arrangierte Lieder, (auf die klassische Strophe – Refrain – Strophe Struktur wird dennoch fast völlig verzichtet), wobei meine Wertschätzung der des Publikums offenbar diametral entgegenlief. Es drängte sich nämlich der Eindruck auf, dass das Publikum, dessen Altersschnitt übrigens mit deutlich über Mitte 30 über dem lag, was man sonst auf Konzerten dieser Art erwarten würde, den gefälligeren Stücke ganz besonders zusprach, während mir gruselige Assoziationen wie Melissa Etheridge durch den Kopf schossen, die glücklicherweise keine Gelegenheit fanden, sich zu perpetuieren, da Dufus doch immer rechtzeitig die Kurve kriegten und genügend Brüche und weirde Sounds einbauten, so dass sie dem Vorwurf der Glattgebügeltheit zuvorkamen. Zum einen entfernte sich nämlich der Gesang sehr oft aus der normalen Singer/Songwriter Ebene und näherte sich Gefilden an, in die Mike Patton mit Mr. Bungle und Fantomas schon ganz weit vorgestoßen ist, zum anderen widmete sich, wie bereits angedeutet, ein Musiker mit verschiedenem Geräten, wie einem elektrischen Drumstick für Kinder, einem Minikeyboard, einem Diktiergerät, womit er Passagen aufzeichnete und durch diverse Effekte verfremdet wiedergab, und einem – oho, ungewöhnlich und auf den ersten Blick gefährlich – Rasentrimmer der klanglichen Bereicherung, Untermalung und schlicht Lärmerzeugung. Besondere Größe zeigte sich immer dann, wenn sich aus all der Schrägheit und unter den Schichten zunächst wenig eingängiger Gitarrenfiguren herzergreifende Melodien herausschälten, die nicht auf den schnellen Effekt abzielten. In der Eigenschaft, aus Chaos Schönheit zu schöpfen fallen im Zusammenhang mit Dufus übrigens immer wieder die Namen Captain Beefheart und Frank Zappa.
Erwähnt werden muss unbedingt noch Dufus’ Nähe zur Performance Kunst, wobei jedoch der Übergang zur Possenreißerei fließend war. Zwischen den Stücken ließ sich die Band immer wieder zu dadaistischen Miniaturen hinreißen – oder machte einfach nur Blödsinn. Da rollte der Mann im Superheldenkostüm auf einem Brett durchs Publikum und unter der Bühne herum, später bot ihm Seth freundschaftlich „a punch in the face“ an, den er freudig annahm und auch schlichtes Topf- bzw. Schüsselschlagen wusste die Band zuerst im Sinne der Performance, dann in dem des Songs zu nutzen. Überhaupt ließ die Band sich und dem Publikum keine ruhige Minute, immer wieder gingen die Musiker bspw. in den Gitarrenstimmpausen aufeinander ein, erzeugten schönen Lärm und ließen eine Virtuosität zum Vorschein kommen, die niemals zum Selbstzweck wurde.
Nach einem außergewöhnlich langem Set – über 2 Stunden – fand das Theater sein Ende und man durfte sich an den außergewöhnlich günstigen Preisen am Merchandise Stand erfreuen. Bleibt nur noch zu wünschen, dass Dufus die berechtigte Aufmerksamkeit zu Teil wird. Nicht mal so sehr der Band wegen, sondern all der Menschen, die sich sonst weniger Hervorragendem widmen.

Nach dem Konzert schrieb mir Seth freundlicherweise noch eine Liste der gespielten Lieder auf, also keine richtige Setlist, da er sich aufgrund der spontanen Entscheidung, was zu spielen sei, nicht mehr an die korrekte Reihenfolge erinnern konnte:


Babylon Com
Neuborns
Weemamoo
Giving inn
Only down
Black + blue
How I whistle
First time
Fast touch
Turdburger
Tutu
Freedom
Wrinkle
Silly baboon
Specinal
Fun wearing underwear
Ploo-n-brof
Dawn crusade

Montag, 12. November 2007

Bloc Party, Mannheim 11.11.2007

Rosengarten

Als ich Bloc Party vor etwa 3 ½ Jahren zum ersten Mal mit, wenn ich mich recht erinnere, Little Thoughts und Banquet hörte, hätte ich nicht erwartet, sie einmal im Rosengarten live zu sehen, einem Kongresszentrum, in dem sonst Parteitage abgehalten werden, Messen stattfinden und von der Mehrheitsgesellschaft für gut und hintergrundgedudeltauglich befundene Musik der Marke Joss Stone oder Juanes (heißt der so?) aufgeführt wird. Der – jedenfalls über die Dauer einer EP und des ersten Albums – zackig zappelige Indierock mit starkem New Wave Einschlag der Band erschien mir damals als etwas für ein Dasein im Mainstream abseits der Großstädte völlig Jenseitiges. Wenn ich die mal in der Rhein-Necker Gegend live sehen werde, so dachte ich, dann höchstens in einem größeren Club, von der Spex oder dem Intro präsentiert, mit den selben Gesichtern, die man auch sonst immer wieder bei Indierockkonzerten sieht und eher niemandem, der sich wegen MTV oder einer Single, die im Dudelfunk lief, herverirrt hat. Mit der Explosion von Franz Ferdinand, der die Strokes einige Zeit zuvor den Weg ebneten, zeigte sich jedoch, dass britische Gitarrenmusik auch in Deutschland wieder ziemlich gut in der Breite funktioniert, sodass sich gegen Ende 2005 abzeichnete, dass zumindest die bedeutenderen Bands wie Maxïmo Park, Babyshambles und Bloc Party auch von denen entdeckt werden könnten, die Musik eher nebenbei wahrnehmen. Die etwas sperrigen frühen Bloc Party, also vor A Weekend In The City, mit ihrer nervösen, oft Dringlichkeit suggerierenden Musik, werden allerdings gerade nicht der Grund für den Umstand gewesen sein, dass inzwischen vergleichsweise große Säle gefüllt werden, aber der Reihe nach.

Eröffnet wurde der Abend von der englischen Gruppe Foals, die bislang lediglich in England einige Singles veröffentlicht hat und die ziemlich genau so klingen, wie man es von einem Support für Bloc Party erwarten würde, was Gutes heißen soll. Der Gesang und die Arrangements kommen recht nah an das, was Robocop Kraus machen, wobei sich bei Foals einerseits eine gewisse Fugaziverfrickeltheit heraushören lässt andererseits aber nicht die Tanzfläche aus dem Auge verloren und an der 4 to the floor Bassdrum mit offbeat Hihat gespart wird. Der gitarrespielende Sänger stand die ganze Zeit im 90 Grad Winkel zum Publikum, der zweite Gitarrist hätte am liebsten auch unentwegt mit dem Rücken zum Publikum gespielt und die Band insgesamt drängte sich auf der großen Bühne ziemlich eng zusammen. Da war man wohl noch etwas schüchtern (auch wenn der Keyboarder keine Spielpause ausließ, um auf der Bühne abzuspacken), obwohl Foals ziemlich positiv, teilweise fast euphorisch aufgenommen wurden. In einem intimeren Rahmen dürfte die Band sicher eine Granate sein, mal sehen, was da noch kommt.

Nach fast einer halben Stunde Umbaupause kamen Bloc Party auf die Bühne, wobei die Pausenmusik noch einer Erwähnung bedarf. Es handelte sich nämlich zunächst um übelsten Eurotrash, mit Klassikern wie Pump Up The Jam, bis auf die Grausamkeit Call On Me weitere schlimme aktuellere Kirmestechnohits folgten, deren Titel nicht zu kennen geradezu eine Tugend ist. Erschreckenderweise nickte eine kleine Gruppe mittelscheiteliger Menschen, die ihre Polohemden akkurat in ihre Hosen gestopft hatten, vor mir völlig unironisch zum Rhythmus und man bekräftigte sich gegenseitig, dass die gerade laufenden Lieder wirklich toll seien. Nach einer Weile kam überraschend Aphex Twins Windowlicker, das aber von niemandem in Sichtweite positiv zur Kenntnis genommen wurde und in dem Moment abgebrochen wurde, bevor der Teil mit dem alles zerfräsenden Synthesizer einsetzt. In genau dieser Sekunde ging das Licht aus und Bloc Party begaben sich unter dem Klang programmierter Beats auf die Bühne, um mit Song For Clay (Disappear Here) ihr Set zu eröffnen. Ob darin eine durchdachte Dramaturgie lag, wurde mir nicht klar, vielleicht handelte es sich bei dem Wechsel von witzig scheiße (Pump Up The Jam) zu richtig scheiße (Kirmestechno) und wiederum zu ziemlich unerwartet klasse (Windowlicker) nur um Zufall, dem keine tiefere Bedeutung entnommen werden kann.

Das Hauptriff, nach dem besinnlichen Anfang, von Song for Clay mit der durchpeitschenden Snare veranlasste den ganzen Saal in kollektives Geklatsche zu verfallen, eine Art der Publikumspartizipation, die immer wieder an prägnanten Stellen mit durchgehendem 4/4 Beat zum Einsatz kommen sollte, aber leider derart stümperhaft ausgeführt wurde, sprich, das Tempo viel zu sehr anziehend, dass es zum einen den Genuss der Musik noch mehr beeinträchtigte, als es solche Aktionen so schon tun, zum anderen, dass man dem Drummer Matt wirklich Respekt dafür zollen muss, unbeeindruckt davon tight weiter- bzw. dagegen anzuspielen.

Das darauffolgende Positive Tension hingegen verursachte bei einem wesentlich kleineren Teil des Publikums eine vergleichbar starke Reaktion, was wohl darauf zurückzuführen ist, dass viele der Anwesende nur das zweite Album A Weekend In The City kannten, doch gerade die Stücke vom Debüt Silent Alarm waren es, die von dem vielleicht mengenmäßig nicht unbedingt dominierenden Teil der Anwesenden viel ekstatischer abgefeiert wurden. Spätestens beim Überhit Banquet gab es keinen Grund mehr, sich noch höflich zurückzuhalten und die Leiber nicht der die Indiediskos seit nunmehr fast 3 Jahren beherrschenden Stop and go Dynamik aufs Schweißtreibenste zu unterwerfen.
Natürlich hatten auch die neuen Stücke etwas, insbesondere The Prayer, bei dem die Bühne in rotes Licht getaucht wurde und Uniform, aber insgesamt geht dem aktuellen Album doch das Gang of Foureske, das den früheren Stücken anhaftete, obwohl Bloc Party Gang of Four als Einfluss ablehnen, fast völlig ab. Doch gerade im brüchigen Funk mit den Mitteln des Punk, den Silent Alarm mit Gang of Four verbindet, liegt der Charme und die Einzigartigkeit Bloc Partys im Vergleich zu anderen Bands. Dementsprechend ist es fast bezeichnend, dass lediglich vier Stücke von A Weekend In The City gespielt wurden. Mit den Worten Keles, dass man ein wahrer Bloc Party Fan sei, wenn man die folgenden Lieder kennt, wurden das grandiose, an Banquet anknüpfende, Two More Years, das als Single zwischen den beiden Alben veröffentlich wurde, und The Marshals Are Dead von der ersten EP angekündigt, die aber leider etwas im Soundbrei untergingen, was den Bassbereich angeht.

Vor der Zugabenpause wurden noch So Here We Are, das zunächst allen Paaren im Raum gewidmet und schließlich dann doch an ein ganz bestimmtes an der Tür stehendes Paar adressiert wurde, dem soviel Aufmerksamkeit wohl ziemlich peinlich war, auch wenn sie dafür laut Kele keinen Grund hatten, und Like Eating Glass gespielt. Bei letzterem merkte man leider, dass bei der Band in diesem Moment doch etwas die Luft raus war, insbesondere der Schlussteil klang doch arg angestrengt und das Tempo war langsamer als auf Platte, obwohl Bloc Party live sonst geradezu eine halsbrecherisch schnelle Version spielen.

Der Zugabenteil schließlich begann mit der heute erschienenen Single Flux, womit, eine gewisse Boshaftigkeit vorausgesetzt, man sagen könnte, der Bogen zu oben angesprochenem Kirmestechno gespannt wäre. In der Studioversion liegt auf dem Gesang ein zweckentfremdeter Autotune, auch berüchtigt als der Chereffekt und der maschinengespielte Synthiebass ist doch etwas zu penetrant und weckt eher Technoassoziationen in Richtung Viva Club Rotation als Berghain und Panorama Bar. Live kommt der Song dann aber doch nicht so geschmacklich im Grenzbereich rüber, wie es sich hier liest und interessanterweise wurde auch nicht Flux, sondern She's Hearing Voices mit der Aufforderung angekündigt, man solle sich vorstellen, man sei jetzt nicht in einem alten Theatersaal, sondern in einem kleinen, dunklen, verschwitzten Club um 2 Uhr morgens am Raven und das sei der Track, auf den man gerade tanzt. Dazu wurde von Kele während des Liedes ein Mädchen auf die Bühne geholt, die sich dort oben austoben durfte.
Zum abschließenden Durchdrehen noch mehr eignete sich jedoch Helicopter, das die ein oder andere Schwäche des Abends doch noch vergessen ließ und einem deutlich machte, dass Bloc Party live nach wie vor ein großes Vergnügen sind.




Setlist:


1. Song For Clay (Disappear Here)
2. Positive Tension
3. Hunting For Witches
4. Waiting For The 7.18
5. Banquet
6. This Modern Love
7. The Prayer
8. Two More Years
9. The Marshals Are Dead
10. Uniform
11. So Here We Are
12. Like Eating Glass

Zugabe:
13. Flux
14. Price Of Gasoline
15. She's Hearing Voices
16. Helicopter


Dienstag, 23. Oktober 2007

Animal Collective, Heidelberg 21.10.2007

Karlstorbahnhof

Halbwegs pünktlich beginnende Konzerte können ein wahrer Fluch sein, wenn man sich auf einen späten Beginn einstellt und davon ausgeht, schlimmstenfalls teilweise die Vorband zu verpassen. Eine dreiviertel Stunde nach offiziellem Konzertbeginn traf ich in den Saal des Karlstorbahnhofs ein und drei Männer auf der Bühne gaben bereits interessant abgedrehte Musik zum Besten. Gut, dachte ich, – in der Annahme, dass Animal Collective ja wohl zu viert auf der Bühne stehen müssten – das wird die isländische Vorband sein, bis nach etwa fünfzehn Minuten „Unsolved Mysteries“ vom aktuellen AC Album „Strawberry Jam“ gespielt wurde und somit klar war, dass es sich bei den Musikern auf der Bühne um den Hauptact handelte. Entweder war die Vorband verdammt schnell mit ihrem Set fertig oder sie fiel komplett aus, wobei mir Letzteres wahrscheinlicher erscheint.

Der Umstand, dass ich mich jetzt noch darüber aufrege, das AC Konzert nicht vollständig mitbekommen zu haben, ist schon mal ein starkes Indiz für die Großartigkeit dieses Ereignisses.

Was AC auf der Bühne präsentieren, hebt sich deutlich vom Konzertbegriff anderer Bands ab. Wo sonst die Begeisterung des Publikums oft in wesentlichen Teilen aus dem Wiedererkennen von Bekanntem herrührt, wirken AC diesem Effekt geradezu entgegen, indem sie das Material ihrer Alben teilweise dekonstruieren, Elemente in den Vordergrund stellen, die sich bislang im Verborgenen hielten oder den Songs einfach ein völlig neues Klanggewand verpassen. Die einzelnen Stücke fransen zum Ende hin aus und verweben sich neu mit dem Kommenden, sodass ein Konzert bis auf etwa zwei kurze Unterbrechungen ein einheitliches Ganzes bildet, was dazu führt, dass man nach über einer halben Stunde für einen kurzen Moment aus einem geradezu hypnotischen Zustand erwacht und sich wundert, noch kein einziges Mal applaudiert zu haben.

Entsprechend dem elektronischen Weg, den AC auf „Strawberry Jam“ eingeschlagen haben, spielt auch auf der Bühne die akustische folkige Instrumentierung der Alben „Sung Tongs“ und „Feels“ keine Rolle mehr. Die Sounds kamen daher auch im Wesentlichen von allerlei elektronischen Gerätschaften, an denen Geologist (mit einer Taschenlampe auf dem Kopf geschnallt) und Panda Bear herumschraubten, während Avey Tare – neben Panda Bear– zum Großteil sang, gelegentlich Gitarre und Keyboard spielte und Percussioneinsprengsel einwarf.

Was die Klangästhetik von AC im Vergleich zu sagen wir mal einer konventionellen Indierockband in geradezu maßloser Weise transportiert, ist die Idee und das Gefühl von Freiheit von Gewohntem und von Konventionen, da Anbindungen zu geläufigen Musikstilen praktisch nicht vorhanden sind; es stellt sich das Gefühl ein, dass man hier etwas völlig Neues zu hören bekommt. Klar, der Subbass hier und da oder gewisse Synthiesounds vermitteln eine Ahnung von Clubmusik, aber nur um daraufhin vom lautmalerischen Gesang überlagert zu werden und sich auf keinen Fall dem Diktat einer schematischen Funktionalität zu unterwerfen, die oft mit elektronischer Tanzmusik verbunden werden kann.

Gelegentlich meinte man, im nächsten Moment die technomäßige Abfahrt oder einen rockistischer Ausbruch vorausblicken zu können, strukturell legten AC in einigen Stücken jedenfalls die Grundlage sowohl für die eine, wie auch für die andere Konsequenz. Diese Erwartungen wurde jedoch nicht erfüllt, stattdessen zogen AC das Publikum immer tiefer in einen Sog aus flirrenden Synthiesounds („#1“), sich langsam aus Beatgewitter herausschälenden Semihymnen („Fireworks“) und Avey Tares wild die Oktaven wechselndem Gesang, der insgesamt eher wie ein zusätzliches Instrument eingesetzt wurde. Das Aufbauen von letztlich nicht aufgelöster Spannung, das vom Publikum auch während der Stücke mit Rufen und Pfiffen der Begeisterung honoriert wurde, fand seinen Höhepunkt in „We Tigers“, das aus kaum mehr als wütendem synchronen Geshoute der drei Musiker bestand und vom gleißenden Licht der entlang des hinteren Bühnenrandes aufgebauten LED Leuchten, die während des ganzen Konzerts in Verbindung mit der Musik zur wahren Reizüberflutung im besten Sinn beitrugen, in seiner Wirkung nochmals potenziert wurde.

Nach einer Zugabe –„Leaf House – endete ein Konzert, das man mit dem Gefühl verlassen durfte, wirklich Außergewöhnlichem beigewohnt zu haben.

Mittwoch, 10. Oktober 2007

Broken Social Scene (performs Kevin Drew´s Spirit if…), Heidelberg 03.10.2007

Karlstorbahnhof

Schwarmintelligenz ist es vielleicht, was ein Kollektiv ausmacht. Als ein solches werden auch Broken Social Scene immer wieder bezeichnet, obwohl Kevin Drew diese Einordnung selbst stets ablehnt. Immerhin stammen die meisten Songs von ihm und Brendan Cannigan und die Annahme, unter Ablehnung jeglicher Hierarchien wäre es bei einer Band, die gelegentlich aus etwa 20 Leuten besteht, möglich, überhaupt halbwegs strukturierte Musik zu produzieren, kann nur einer realitätsfernen künstlerischen Utopie entspringen. Dennoch gleicht die Musik von Broken Social Scene sowohl auf Platte als auch auf der Bühne in ihrer Vielschichtigkeit bisweilen einem Ameisenstaat, der unablässig vor sich hinwuselt, dabei aber ein kohärentes Ganzes schafft, bei dem man im Einzelnen gar nicht so genau sagen kann, wie es zusammengesetzt ist.

An diesem Abend stand das sogenannte Kollektiv jedoch in reduzierter Besetzung auf der Bühne, insgesamt sechs Musiker, darunter auch Brendan Cannigan und Andrew Kenny von American Analog Set, um Kevin Drews Soloalbum vorzustellen. Leider handelte es sich um eine reine Männerveranstaltung, keines der weiblichen Mitglieder war dabei, wo doch BSS sonst ein besonders gelungenes Gegengewicht zur Unterrepräsentation von Frauenstimmen im Indierock darstellt.

Eröffnet wurde das Konzert zunächst von dem, ebenso wie BSS, aus Kanada stammenden, Gentleman Reg, der nur mit seinem Gesang, einer semiakustischen Gitarre und einem Livesampler, den er über Fußpedale bediente, den nicht gerade ausverkauften Karlstorbahnhof in tiefe, aber nicht verzweifelte, Melancholie tauchte. Lediglich bei einem Stück wurde Gentleman Reg von Brendan am Bass und Kevin am Schlagzeug begleitet. Besonders beeindruckte, wie er seinen Gesang immer wieder Schicht für Schicht live samplete, und auf diese Weise Songs auftürmte, die eine Spannung erzeugten, dass man teilweise vergessen konnte zu atmen. Das Zusammensetzen von Liedern mittels live Samplen auf der Bühne habe ich bisher so überzeugend nur bei Jamie Lidell gesehen, der die Sache noch etwas konsequenter verfolgt, aber auch auf einer ganz anderen Baustelle stattfindet.

Nach der Pause begaben sich BSS unter Applaus des Publikums auf die Bühne und begannen ihr Set dann auch ziemlich rockig. Dabei wurden nicht nur Stücke von Kevin Drews Album gespielt, sonder auch einige BSS Songs, wobei, die noch ziemlich zahlreich auf „Feel Good Lost“ vertretenen, Ambienttracks live überhaupt nicht stattfinden, was aber vor etwa zwei Jahren, als ich zuletzt auf einem BSS Konzert war, auch nicht anders war.

Naturgemäß erzeugten älteren Songs, darunter „Cause=Time“ und „Stars and Sons“, „7-4“ fehlte leider, auch stärkere Reaktionen beim Publikum, das meiner Einschätzung nach aus besonders vielen Pärchen bestand, obwohl ich im Zusammenhang mit einer solchen Band doch lieber von Paaren spreche, da sich nach Max Goldt ja das Pärchen vom Paar dadurch unterscheidet, dass es sich beim Pärchen um bescheuerte Leute handelt. Näher kennen gelernt habe ich zwar keines der Paare, aber bei Musik, die man schätzt und mag, gibt man sich durchaus der Hoffnung hin, seine Wertschätzung nicht mit einer überproportional großen Anzahl bescheuerter Leuten zu teilen.

Im Gegensatz zu einem „normalen“ BSS Konzert, wo sich deutlich mehr Musiker auf der Bühne befinden und immer jemand anderes singt, sodass niemand wirklich den ganzen Abend ausschließlich im Mittelpunkt steht, ließ Kevin Drew heute doch ein wenig die Frontsau raushängen. Da gab es die wiederholte Aufforderung an das Publikum „love“ und „responsibility“ bzw. die deutsche Entsprechung dieser Begriffe zu rufen, eine kritische Abhandlung zum neuerdings eingeführten Rauchverbot in baden-württembergischen Clubs und die Warnung vor Red Bull als „cocaine in a can“.

Peinlich pathetische Posen und auch musikalisches Gepose blieb hingegen, wie zu erwarten, erfreulicherweise aus, stattdessen erzeugte die Band mit drei Gitarren, einem Bass, Schlagzeug und Rhodes bzw. Moog auf die lässigste Art, mit deutlicher Freude beim Musizieren, die sich entsprechend auf das Publikum übertrug, einen reich texturierten Klangteppich, wobei der R.O.C.K. insgesamt dominierte. Doch nur von Freude zu sprechen erscheint fast untertrieben: Es ist tatsächlich angebracht, das, was an diesem Abend geschah, als Überschütten des Publikums mit Liebe zu beizeichnen, für die man sich nur öffnen musste.

Nebenbei wurde auch ein American Analog Set Song, bei dem Andrew Kenny sang und Gitarre spielte, während Kevin Drew das Piano bediente und ein Lied von Brendan Cannings im April 2008 erscheinenden Soloalbum dargeboten. Der Höhepunkt war für mich aber „Lover´s Spit“, das mit voller Zerrgitarrenbreitseite seine Schönheit von einer neuen Seite zeigte.

Den Zugabenteil brachte die Band zunächst ohne das Vonderbühnegehenpublikumklatschtbandkommtwiederrausspiel, spielte dann aber doch noch „When it begins“ nach dem Verlassen der Bühne als weitere Zugabe, mit der ausdrücklichen Aufforderung an das Publikum mitzusingen, der zumindest ein deutlich hörbarer Teil, wenn auch bei weitem nicht der gesamte, desselben nachkam.

Was bleibt, ist nur noch die Feststellung, dass man nicht sehr oft Bands sieht, die ihr Programm dermaßen routiniert und perfekt – übrigens auch mit ausgesprochen gutem Sound – präsentieren und zugleich soviel Begeisterung angesichts ihrer eigenen Musik und der Konzertsituation im allgemeinen versprühen. Jetzt wünsche ich mir nur noch, dass auch Feist, Amy Millan oder Emily Haines ein Album in der „Broken Social Scene presents...“ Reihe veröffentlichen und damit auf Tour gehen!

Montag, 24. September 2007

Caribou, Heidelberg 22.09.2007

Caribou, City Slang Mini Festival 2. Tag

Karlstorbahnhof


Der zweite Tag des City Slang Mini Festivals fand im Saal des Karlstorbahnhofs statt und was von der Besuchermenge her im klub k als voll zu bezeichnen wäre, reichte an diesem Abend nur für lichte Reihen aus. Eine Vorgruppe fehlte, Caribou legten direkt mit einem ungestümen Trommelgewitter los, das das ganze Konzert prägen sollte.

Der Bühnenaufbau war recht unkonventionell: Vorne am Bühnenrand standen sich zwei Schlagzeuge gegenüber, von denen Dan Snaith alias Caribou eines bearbeitete, links und rechts dahinter ein äußerst britpoppiger Bassist, stilecht mit Paul McCartney Cellobass und knappem Schälchen ausgestattet und ein nerdiger Gitarrist mit tellergroßen Brillengläsern auf der Nase und die Halbakustische pflichttreu auf Gitarrenlehrerhöhe hängend. Vervollständigt wurde das Ganze von einem Hauptschlagzeuger, da Dan Snaith neben dem Schlagzeug auch Gitarre, Keyboard und Melodica spielte und gelegentlich sang. Oft das meiste davon im Wechsel innerhalb eines Songs.

Die zahlreichen Spuren an Streichern, Bläsern, Flöten und sonstigen schwer zu definierenden Klangschichten kamen, wie zu erwarten, aus der Konserve, wobei ich im Vorfeld damit gerechnet hätte, dass Dan Snaith ein Four Tet mäßiges Laptop Set, nur eben mit Gesang, abliefern würde, immerhin war ja schon beim Album „The Milk Of Human Kindness“ eine gewisse Nähe zu Kieran Hebdens Folktronica herauszuhören und außerdem bastelte er das aktuelle Album „Andorra“ ja auch alleine am Rechner zusammen. Bei einer Band gibt’s jedenfalls mehr zu sehen und nebenbei bemerkt drängt sich bei Laptop Musikern, die ihre Arbeitsweise auf der Bühne nicht einmal im Ansatz offenbaren wollen, ohnehin der Verdacht auf, dass sie lediglich bei iTunes auf Play drücken und ihr beschäftigter Gesichtsausdruck vom Solitärspielen kommt.

Wie bereits oben angedeutet, stand bei einem wesentlichen Teil der Songs das expressionistische Spiel der beiden Schlagzeuge und die dadurch ermöglichte rhythmische Komplexität im Vordergrund, wodurch sich ein kleiner, aber schwer zu übersehender, Teil des Publikums zu ebenso expressionistischen Tanzweisen veranlasst sah.

Der ausladende Psychedeliksound, der von abstrakten Videoprojektionen in allerlei warmen Farbtönen untermalt wurde, strapazierte auf Dauer allerdings nicht wenig die Ohren, wodurch man die leiseren Stellen aber nur umso mehr zu würdigen wusste. Überhaupt konnte man sich nicht nur aufgrund der hippiesken Wall of Sound zurecht an Manitoba erinnert fühlen, zum einen weil Dan Snaith vor Caribou unter diesem Moniker Platten veröffentlichte, zum anderen, weil beispielsweise das zweite Lied des Sets „Skunks“ von Manitobas „Up In Flames“ war. Zum Schluss wurden die Ohren dann aber doch noch mit angenehmen Xylophon- und Glöckchensounds versöhnt und Caribou entließen das Publikum in die Vornacht eines sonnendurchfluteten Tages, auf den das Konzert perfekt einstimmte.

Samstag, 22. September 2007

Menomena, Heidelberg 21.09.2007

Menomena City Slang Mini Festival 1. Tag
Karlstorbahnhof
klub k



Menomena, die auf Platte klingen, als wäre ihre Musik auf der Bühne nur mit mindestens fünf Leuten adäquat umzusetzen, geben ihre Konzerte tatsächlich nur zu dritt. Der klub k im Karlstorbahnhof, der, soweit die Wegweiser vertrauenswürdig sind, sonst als Restaurant genutzt wird, ist ordentlich gefüllt und wenn man nicht gerade in der ersten Reihe steht, dürfte es mangels jeglicher Bühne bei all den „tall Germans“ schwierig sein, mitzubekommen, wie die Band aus Portland, Oregon es doch schafft, die nicht gerade minimalistischen Arrangements ohne wesentliche Abstriche live zu realisieren. Der schön knarzige Bass in Stücken wie „Weird“ kommt da von einem Bassfußpedal, wie man es von Heimorgeln kennt, zugleich werden im Wechsel Gitarre, Bass und Baritonsaxophon bedient, während alle drei singen.
Eine Vorgruppe gibt es nicht, da aber der Konzertbeginn fast eine Stunde nach hinten verschoben wurde, ist eine Einstimmung entbehrlich, schließlich ist man angesichts des tollen aktuellen Albums „Friend And Foe“ auch so schon gespannt wie ein Flitzebogen und entsprechend aufmerksam. Von eben jenem Album stammen dann bis auf wenige Ausnahmen die meisten Stücke. Die unerwarteten Brüche und Wechsel, die neben dem wahrhaft ausschweifenden Melodienreichtum die Platte so groß machen, wollen live, um ihre volle Wirkung entfalten zu können, entsprechend tight umgesetzt werden, aber das verhauen Menomena leider gelegentlich. Als irgendwann die Entschuldigung „sorry, but we´re so stoned rightnow“ kommt, ist klar warum, aber die Patzer hier und da schaffen es trotzdem nicht die Freude beim Zuhören und -sehen wirklich zu beeinträchtigen. Nebenbei wird damit wirksam der Angst vor dem Progmonster begegnet.
Eine Zugabe gibt es nicht, was aber vielleicht auf das Fehlen eines Backstageraumes zurückzuführen ist, durch den ja regelmäßig die Klischeehaftigkeit des Zugabespielchens durch die Suggestion zu kaschieren versucht wird, die Damen und Herren Musiker müssten sich ein Weilchen in ein Refugium zurückziehen, bevor sie die Strapazen der Darbietung eines weiteren Liedes über sich ergehen lassen können.
Insgesamt ein schöner Abend, auch weil man nicht alle Tage bei kaum einem Meter Abstand die Musik dargeboten bekommt, mit der man seit Wochen auf den Kopfhörern durch die Stadt läuft und die seitdem immer mehr wächst.



PS: Ein Wörtchen zu „Boyscout'N“ fehlt noch. Anfangs musste ich den Track immer weiterskippen. Grund war das Gepfeife, was ja so ziemlich die uncoolste musikalische Ausdrucksform ist, die es gibt. Vom Gegenteil konnte mich bislang auch nicht das Pfeifen von Ian MacKaye, von dem üblicherweise kein Bullshit zu erwarten ist, auf dem ersten The Evens Album überzeugen. Irgendwann schaffte ich es doch Boyscout'N anzuhören und schloss es immer fester in mein Herz. Entsprechend groß war die Vorfreude, das erste Mal jemanden live pfeifen zu hören, und es nicht wie üblich total ätzend zu finden. Auf der Bühne pfeifen Menomena aber gar nicht, sondern spielen das auf dem Keyboard nach. Was für eine Enttäuschung!