Freitag, 11. April 2008

Portishead, London 10.04.2008

Hammersmith Apollo

Portishead sind wohl für etwa 1 ½ Generationen eine der Konsensband überhaupt – jedenfalls für den Teil davon, der sich nicht der Peinlichkeit hingibt, bei melancholischer Musik mit Äußerungen wie: „mach doch mal die Selbstmordmusik aus“ seinen absoluten Mangel an Feingeistigkeit darzutun. Außerdem veröffentlichten Portishead keine vor Ideenlosigkeit strotzenden Rohrkrepiereralben, die einem die Begeisterung an der Band ordentlich vergällt hätten (gell, Smashing Pumpkins?), so dass bereits die Ankündigung eines neuen Albums, 10 Jahre nach dem Zweitwerk, Endorphinschübe ungeahnten Ausmaßes auslösen konnte, angesichts des bevorstehenden Schwelgens in samtiger Tristesse Royal, in der wir rotweininunshineinschüttenden Schwermutwracks uns so schreckliche gerne ergehen.

10 Jahre ist es auch her, dass Portishead ihr letztes Konzert in London gegeben haben, was ein ausverkauftes Haus erwarten ließ, zumal Portisheads Musik eine Zeitlang von diversen Cafés und Bars immer wieder als Hintergrundgedudel verwendet wurde, um Geschmack und Stil vorzutäuschen, wodurch ihr Bekanntheitsgrad wohl noch um eine Ecke gesteigert wurde.

Nach ein paar Minuten des Rumhängens vor dem Apollo, in der Hoffnung, jemand möge eine Karte zu einem moderaten Preis verkaufen, bekam ich vor einer sehr netten jungen Frau eine überzählige Karte geschenkt, unter der Auflage, dass ich das Konzert wirklich sehen möchte und die Karte nicht weiterverkaufe. An dieser Stelle nochmals Danke dafür, wenn sie das hier wohl auch nicht lesen wird bzw. kann.

Leider hatten Portishead zu diesem Zeitpunkt schon zu spielen angefangen, so dass ich den Support A Hawk And A Hacksaw und Portisheads Opener Silence verpasste und von Hunter lediglich die letzten paar Töne zu hören bekam. Nach eiligem Vordrängeln war es aber trotz der etwa 5000 Zuschauer möglich, einen perfekten Blick auf die Bühne zu erhalten und das ziemlich schöne Apollo Theater genauer zu begutachten. Wie auch die Brixton Academy oder das Shepherds Bush Empire, wurde das Apollo in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Art Deco Stil erbaut und bietet einen besonders erhabenen und exklusiven Rahmen, der von Portisheads majestätischer Musik anmutig ausgefüllt werden sollte.

Das erste vollständige Lied, dass ich dann mitbekam, war Mysterons vom Debut Dummy, das mir sogleich einen wohligen Schauer durch den Körper spülte. Beth Gibbons erwies sich mit ihrer paradoxerweise sowohl zerbrechlichen als auch durchsetzungsfähigen Stimme als ätherische Erscheinung, die man eigentlich nur ehrfurchtsvoll bewundern kann. Ein Zuschauer hinter mir beließ es allerdings nicht bei der passiven Bewunderung, sondern sang in der Originaltonlage mit, was ich zunächst für ein Echo von der Rückwand hielt. Erst bei Glory Box wurde mir klar, dass dieser 2,10 m Kerl seine Textsicherheit zu demonstrieren suchte und sich sogar dazu genötigt sah, dass Gitarrensolo inklusive Wah-Wah-Phrasierung Ton für Ton mitzusingen (aua), wenig später aber glücklicherweise aus meiner Hörweite verschwand.

Die Band war, wie auch zu erwarten, nicht mit kleinem Orchester auf der Bühne, sondern in der Minimalbesetzung Gitarre, Bass, Drums, Decks, Keyboards, wobei Geoff Barrow bei einigen Stücken die Decks durch ein zweites Schlagzeug eintauschte. Hinter der Band wurden auf drei Leinwänden die Bilder von den auf der Bühne aufgestellten Kameras projeziert, die einem Blick auf u.a. Adrian Utleys Füße beim Bedienen der Effektpedale und Beth Gibbons in Großaufnahme gewährten. Nach Mysterons verließen Portishead für einige Minuten die Bühne, da es offenbar Probleme mit den Decks gab, was an die Artikel über das Exklusivkonzert in Berlin denken ließ, wo es ja auch zu einigen Unterbrechungen kam, jedoch blieb es an diesem Abend die einzige. Beim darauffolgenden folkigen The Rip vom neuen Album Third erstrahlte die Bühne in weißem, unverfälschtem Licht, das einem einen geradezu antiseptischen Blick auf das Geschehen gewährte, um dann aber bei späteren Stücken vorzugsweise in Blau oder Rot getaucht zu sein. Doch auch beim Verzicht auf jegliche stimmungslenkende Beleuchtung wäre das Publikum ganz aus dem Häuschen gewesen. Selten erlebt man dermaßen euphorische Reaktionen – jedes Lied wurde mit frenetischem Beifall quittiert und auch in den Stücken selbst wurden Breaks oder Aufgänge bejubelt, leider aber auch die ganz ruhigen Passagen, die man mit Fressehalten viel schöner hätte genießen können.

Ganz besonders gelungen war außerdem der Gesamtsound. Ich habe ernsthaft noch nie einen so klaren Klang erlebt, der trotzdem nicht zu leise war, immerhin war der Bass laut genug, um ein angenehmes Grummeln in der Magengegend zu erzeugen und die Fußsohlen vibrieren zu lassen.

Die Hälfte des Sets bestand aus dem noch erscheinenden neuen Album, wobei ein besonderer Favorit gar nicht ausgemacht werden kann. Soundmäßig am auffallensten war Machine Gun mit seinem aggressiven, monotonen Beat, der von Geoff Barrow live per MIDI getriggert wurde. Jedoch entbehren auch die restlichen aktuellen Songs jeglicher Kaffeehausatmosphäre, die früheren Stücken zumindest teilweise anhaftete. Eher handelt es sich um einen spröden, aber dennoch anziehenden Charakter (Nylon Smile) und noch dichtere Dunkelheit (Threads). Was die Arrangements angeht, blieben Portishead weitgehend bei den Studiofassungen, nur Beth Gibbons beeindruckendes Vibrato in Wandering Star wurde lediglich mit Gitarre und Bass untermalt.

Das letzte Lied der einzigen Zugabe war schließlich We Carry On, das mit seinem merkwürdigen 4/4 Groove trip hoppigen Grundformen entgültig eine Absage erteilt und das Publikum zum Abschluss in einen unentrinnbaren Sog zog. Beim vorhergehenden Roads ließ es sich Beth Gibbons, die offenbar das Rauchen aufgegeben hat – man sah sie jedenfalls nicht eine nach der anderen wegquarzen, wie ich es erwartet hätte – im instrumentalen Zwischenteil übrigens nicht nehmen, Teile des Publikums in der vorderen Reihe zu umarmen und damit ihre oben erwähnte unwirkliche Erscheinung rein aufs Musikalische zu beschränken.

Trotz oder vielleicht gerade wegen des fast eineinhalbstündigen Eintauchens in die weite Welt der Traurigkeit, schienen alle Konzertbesucher beim Verlassen des Apollos überglücklich und begeistert gewesen zu sein, aber das ist etwas, was die Gute-Laune-Terroristen wohl nie werden nachvollziehen können.



Setlist:

1. Silence
2. Hunter
3. Mysterons
4. The Rip
5. Glory Box
6. Numb
7. Magic Doors
8. Wandering Star
9. Machine Gun
10. Over
11. Sour Times
12. Nylon Smile
13. Cowboys

Zugabe:
14. Threads
15. Roads
15. we carry on

Dienstag, 4. März 2008

Bratze, Heidelberg 29.02.2008

Zum Teufel


Eins gleich einmal vorweg: Wow, was für ein Abend! Was das Duo Bratze, bestehend aus ClickClickDecker und Der Tante Renate, an diesem Abend ablieferte, gehört zu dem Besten, was ich bislang an Gigs elektronischer Liveacts gesehen habe. Eine derart unter die Haut gehende Kombination aus Punkrockschweiß und Technoekstase gab es vielleicht in ähnlicher Form bei Atari Teenage Riot zu erleben, aber deren aufgesetzten Anarchie- und Revolutionsduktus, konnte man irgendwie nie wirklich für voll nehmen und außerdem sind Bratze viel sympathischer als Alec Empire.
Aber jetzt auf Anfang. Der Teufel in Heidelberg wird offenbar sonst als Kneipe genutzt, allerdings war der längliche Raum an diesem Abend aller Tische und Sitzgelegenheiten entledigt, um genügend Platz für das zahlreiche Publikum zu schaffen. Das Konzept „Teufel/Hölle“ wird mit vielen Totenköpfen und magmafarbenen Wänden konsequent umgesetzt, aber irgendwie brachte mich das – auch angesichts eines etwas fantasymäßigen Wandbildes – dazu, bis zum Konzertbeginn immer wieder daran zu denken, dass es hier aussieht, wie in einem prototypischen Rollenspielertreff (das mit Würfeln und Drachen).

Gegen beinahe 23.00 betraten Juri Gagarin die Bühne, bei denen es sich ebenfalls um ein Duo handelt und von denen wohl einer von beiden stilecht Russe ist. Da durfte natürlich eine russische Militärmännerchorhymne zur Lobpreisung des Sozialismus´, oder was auch immer üblicherweise Thema dieses Genres ist, als Intro nicht fehlen. Beim Hören von Juri Gagarins Musik in einem Podcast war ich zuvor nicht allzu sehr angetan und fühlte mich nicht wenig an C64 Computerspielmusik erinnert. Live rannten vor meinem geistigen Auge dann aber doch nicht grobgepixelte 8-bit Männchen um die Wette, stattdessen spielte sich in vorsichtigen Ansätzen ein 80er getränkter Breitwandrave in Neon ab, der aber immer dann einriss, wenn die Melodien ins Infantile abschmierten oder sich die Sounds zu sehr Casiokeyboardakkordeonpresets annäherten. Das Set von den dem Wodka auf der Bühne zugeneigten Juri Gagarin stimmte jedenfalls sehr schön auf das noch Kommende ein und nährte angesichts der Übertreffung meiner Erwartungen die Hoffnung auf Großartiges.

Mit einem Laptop, Keyboard, Groovebox, diversen Effekten und einer elektrischen Gitarre schickten sich dann Bratze an, zu zeigen, dass sie ihre eigene Norm sind.
Schon allein aufgrund des Neurosis Aufklebers auf ClickClickDeckers 303 konnte man erahnen, was für einen Bogen Bratze spannen werden. Nicht, dass sich in Bratzes Musik wirklich Neurosis´ Hardcorebrachialität wiederfinden würde, aber die beiden zeigen doch, was für einen Weg man trotz oder vielleicht auch gerade wegen einer Indie-/Punk-/Hardcoresozialisation gehen kann, die Bratze hiermit ohne weitere Belege unterstellt sein möge. Auf keinen Fall darf jetzt aber der Schluss gezogen werden, dass jemand, der das Technoproduktionswerkzeug überhaupt mit Aufklebern von Relapse Bands verziert, schlimmes Rock-Techno Crossovergedöns, wie beispielsweise Apollo 440 fabriziert. Bei Bratze fließt alles nicht nur ganz natürlich, sondern geradezu zwingend zusammen und wenn eine Zerrgitarre auf four-to-the-floor Beats trifft, dann ist das keine geschmacklose Anbiederung an vermeintlich Modernes, sondern muss hier so sein.
ClickClickDecker, der passend zu Bratzes lyrischer Aussage, man sei die neue Unterschicht, die allen Reformen die Beine bricht, im Assi-Chic, namentlich einer Adidas Jogginghose antrat, wechselte sich beim Gitarrespielen mit Der Tante Renate ab und übernahm den insistierenden, hingebungsvollen und fordernden Gesang und obwohl Bratze sicher humorvoll sind, gab es hier sowohl musikalisch als auch was das Auftreten angeht, rein gar nichts Komikerhaftes zu vernehmen, sondern vielmehr eine Ernsthaftigkeit, die Spaß haben will, aber echt jetzt!
Dem Publikum im fast brechend gefüllten Teufel war der Spaß jedenfalls anzusehen. Das studentische Jungvolk, halb trunken vom Alkohol, halb trunken von der Musik im Grenzbereich zwischen Song und Track, ravte und pogte durch Nebelschwaden und Stroboskopgewitter, dass man bei ausgeschalteter Musik nicht hätte sicher sein können, ob es sich um eine Szene im SO36 oder der Panorama Bar handelte (gut, den Raum selbst hätte man sich auch noch wegdenken müssen).
Bratzes kickende Beats, knarzende Synthies und die beides umschlingende Gitarre, die alle zusammen immer wieder „Kraft, Kraft, Kraft“ sagen, reichen aus, um für etwas mehr als eine Stunde hinter den Clubtüren eine Welt ohne Dummsprech, schlimme Musik und falsche Haltungen entstehen zu lassen. Bratze, immer wieder gerne und verdient haben sie Größeres, auch wenn man so etwas Großartiges viel lieber für sich im kleinen Rahmen behalten möchte.

Montag, 21. Januar 2008

Immaculate Machine, Mannheim 20.01.2008

Alte Feuerwache


Nonchalant spät auf Konzerte zu kommen ist beinahe eine eigene Kunst. Einerseits möchte man nicht länger als 5 Minuten auf den ersten Ton warten müssen, nachdem man sich eventuell ein Bier oder eine Cola (keine Plörre aka Bionade) besorgt und sich durch das restliche Publikum gedrängt hat, um durch die Erlangung des bestmöglichen Blicks auf die Bühne des Konzerts auch visuell teilhaftig zu werden, und zwar idealerweise ohne kleineren Mädchen den eigenen Rücken vor deren Sichtfeld zu schieben, andererseits möchte man nicht so spät kommen, dass man auch nur den Beginn des Konzerts verpasst. Angesichts all der vielen unsicheren Faktoren, die auf den Konzertbeginn von Einfluss sind, ist das Eintreffen genau zum richtigen Zeitpunkt maßgeblich der eigenen Intuition geschuldet, wobei ein gewisses Maß an Erfahrung und Kenntnis über der Gepflogenheiten der jeweiligen Lokalität eine nicht zu unterschätzende Grundlage für das Bilden der Ahnung, wann aufzubrechen ist, darstellen.
Meinem dramatisch zu späten Eintreffen auf das Konzert von Immaculate Machine könnte entnommen werden, dass ich diese Kunst nicht im Ansatz zu beherrschen vermag, schließlich war die Aufführung schon im vollen Gange als ich ankam. Ich jedoch weiß, dass es mich im Innern schon wesentlich früher in die Alte Feuerwache drängte und lediglich äußere Umstände mich an meinem rechtzeitigen Aufbruch hinderten.
Die Band spielte nicht im großen Saal der Feuerwache, sondern im angrenzenden Café, wobei aber kein Eintritt verlangt wurde, was den Damen und Herren von der brandherd Reihe, die einen u.a. auch schon mit Dufus zu beglücken wussten, als ganz besonders charmant anzurechnen ist. Weniger erquicklich war allerdings der, infolge des für das Café doch sehr starken Publikumsandrangs, unzureichende Blick auf die Bühne. Genau genommen bekam ich nur ein Drittel der eine Frau und zwei Männer starken Band zu Gesicht, da der Rest für mich uneinsehbar hinter einem Wandvorsprung verschwand. Ausgeglichen wurde das Zusammenkommen all dieser misslichen Umstände indes durch einen Wohlklang, der sich trotz aller Süße über ausreichend Bissfestigkeit auszeichnete und in dem ein angemessenes Maß an Schwermut als Kontrapunkt das Gleichgewicht sicherte. Um über solche nur leidlich einfallsreichen synästhetischen Umschreibungen hinwegzukommen sollen die harten Fakten zu Immaculate Machine zur Sprache kommen: Das Trio, bestehend aus Kathryn Calder – Keyboard und Gesang –, Brooke Galupe und Luke Kozlowski – Gitarre, Gesang und Schlagzeug – kommt aus Kanada und die Bezeichnung Indiepop wäre für ihre Musik wohl nicht die fernliegenste. Teilweise erinnerten sie mich ein wenig an Metric, allerdings ist bei Immaculate Machine bei vielen Stücken ein deutlicher Garage-Einschlag zu hören. Bei dem Intro eines Stückes dachte ich, jetzt komme ein Cover von Last Night, nur um dann mit einem Beach Boys Zitat konfrontiert zu werden, was wohl überraschend gewesen wäre, hätte Kathryn Calder nicht den Song damit angekündigt, dass sie große Beach Boys Fans seien. Im weiteren Verlauf musste ich an The Anniversary denken, da Fr. Calders Gesang in leichter Wehmut und Dringlichkeit doch dem von Adrianne Verhoeven nahe steht. Zugegebenermaßen bin ich nicht allzu gut mit den Studioaufnahmen von Immaculate Machine vertraut, live dominiert aber doch eine gewisse Holprigkeit, was sich aber nicht wirklich qualitätsmindernd, sondern eher sympathiesteigernd auswirkt und den Garagefaktor erhöht. Dennoch hatte ich den Eindruck, dass sich der – für mich unsichtbare – Drummer mit der Lautstärke angesichts der Nähe des Publikums und der Größe des Raumes zurückhielt, ein weiterer Minuspunkt für das Café, aber ein Grund mehr, sich die Band noch einmal in nicht ganz so beengtem Rahmen anzuschauen. Nach etwa 1 ¼ Stunden Spielzeit coverte die Band Time of the Season, um sich dann dem Merchandise-Verkauf von der Bühne aus zu widmen.

Montag, 14. Januar 2008

Die besten Konzerte 2007

1. Sonic Youth im Schlachthof Wiesbaden:

Fast mehr als zehn Jahre, nachdem ich mir mein erstes Sonic Youth Album zugelegt habe, endlich die Gelegenheit, eine der Götterbands meiner Teenagerjahre, die ich immer noch genauso klasse finde wie damals, live zu sehen. Überraschend, was für ein langer Lulatsch Thurston Moore ist und dass sich im Publikum Männer finden, die keine Hemmungen haben, ihre nackten verschwitzten Oberkörper beim „Tanzen“ an so viele Umstehende wie nur möglich zu reiben, während eine der coolsten Bands aller Zeiten hauptsächlich Songs von Daydream Nation und Rather Ripped spielt.



2. LCD Soundsystem in der Alten Feuerwache Mannheim:

Kaum zu glauben, dass bei James Murphys phänomenalem Mutant-disco-electro-dance-punk die Alte Feuerwache nicht aus allen Nähten platzt, zumal es sich um das einzige Deutschland Konzert in der zweiten Jahreshälfte 2007 handelt. Herr Murphy verausgabt sich gänzlich trotz Krankheit und eine Band mit einem hohlkreuzigen Drummer mit Hippievollbart, der wie ein Roboter spielt, kann nur gewinnen. Zum Schluss noch ein Joy Division Cover - No Love Lost - und alles ist super.



3. Cat Power im Karlstorbahnhof Heidelberg:

Chan Marshall wankt betrunken mit den Haaren im Gesicht auf die Bühne und bricht das Konzert nach drei Liedern ab – auf ein solches Szenario hatte ich mich ja eingestellt, bis eine apart gekleidete, mit streng zurückgenommenen Haaren und vor allem fast gut gelaunte Katzekraft auf die Bühne kommt, um ausschließlich Songs von The Greatest und Coverversionen zu spielen. Sehr bluesig und – ja, man muss wohl sagen: leider – meilenweit von Lieblingsliedern wie Metal Heart oder He War entfernt, aber einer der besten Vokalistinnen überhaupt kann man es auch verzeihen, auf die wenig originelle Idee zu kommen, I can’t get no satisfaction zu covern. So sympathisch wie ich CP an diesem Abend finde, will ich gar nicht in die Verlegenheit kommen, sie einmal kennen zu lernen, um mein an diesem Abend gewonnenes Idealbild nicht durch die Konfrontation mit der Wirklichkeit zu gefährden.



4. Animal Collective im Karlstorbahnhof Heidelberg:

Noch nie gehörte Musik, immer anders, wahnwitzig, wahre Künstler und genau richtig, um einen gewissen Distinktionsvorsprung zu gewinnen, nachdem Indierock das neue Ballermann ist (siehe Intro-Forum) und demnächst wohl selbst Joy Division von der Masse in Beschlag genommen werden wird. Da fällt mir ein: Liebe Veranstalter, wir Freunde schwer kategorisierbarer Musik wären ganz aus dem Häuschen, wenn Ihr Xiu Xiu, Black Dice und Gang Gang Dance buchen würdet! Außerdem noch Autechre, denn DAS wird ja mal wirklich Zeit!



5. The Weakerthans im Karlstorbahnhof Heidelberg:

Klingen zwar seit vier Alben exakt gleich, aber trotzdem wird’s einem immer wieder warm ums Herz, auch wenn man sich vorgenommen hat, endlich damit aufzuhören, Musik aus rein emotionalen Gründen zu mögen, schließlich ist die Pubertät ja schon ein Weilchen her, aber die Fassade der Abgebrühtheit fängt von Zeit zu Zeit dann doch an zu bröckeln, und wer beim Hören, wie die arme Katze Virtute nicht mehr nach hause findet, nicht einmal ein bisschen traurig wird, verkauft auch des eigenen Kindes Niere (sollte man eins haben), um den Bier- und Schnapsvorrat für die nächsten Monate zu sichern.

Sonntag, 18. November 2007

Dufus, Mannheim 17.11.2007

Zeitraumexit

Dufus, deren Bekanntheitsgrad sich hierzulande doch sehr in Grenzen halten dürfte, kommen aus New York und um das, was sie machen, benennen zu können, wird gerne das Label Antifolk bemüht, kein Wunder bei Mates wie Jeffrey Lewis und Regina Spektor. Über 20 Musiker wirken teilweise an den Alben mit und auch live kann die Besetzung durchaus den üblichen Bandrahmen bei weitem sprengen, wobei der Mittelpunkt und konstante Faktor in der Person von Seth Faergolzia liegt, der bereits 1997 mit Dufus das Album First Born veröffentlichte, dem im Laufe der Zeit zehn weitere folgten, aktuell The Last Classed Blast, das im Gegensatz zu seinen Vorgängern nicht nur als Import, sondern regulär in Deutschland erhältlich ist, was vielleicht dazu beitragen wird, der sträflichen Ignoranz, die Dufus bislang in Europa entgegengebracht wurde, entgegenzuwirken.

An diesem Abend fanden sich etwa 80 Besucher zum Konzert ein, was, wie ich von Seth nach dem Konzert erfahren durfte, im üblichen zahlenmäßigen Rahmen der aktuellen Tour liegt (lediglich in Österreich spielten sie zu ihrer eigenen Überraschung auch mal vor 300 Leuten), die mit einem Konzert in Berlin heute ihren Abschluss findet.
Das (der, die?) Zeitraumexit ist eine neue Lokalität für Konzerte in Mannheims Jungbusch, einer Gegend, die bis vor ein paar Jahren für viele halbwegs Ortskundige als Synonym für Rotlichtsumpf, mafiöse Dominanz, dunkle Ecken schlechthin und damit als absolute No-Go Area galt. Düstere, seit Jahrzehnten ungenutzte zum stillgelegten Hafen gehörende Lager trugen das ihrige dazu bei, jedem in der Gegend Wohnenden einen angemessenen Anteil Mitgefühl angesichts dieses schweren Loses zukommen zu lassen. Dabei gab es dort schon immer einige der außergewöhnlichsten, sich vom Normalmaß Mannheims deutlich absetzenden, Kneipen, was Einrichtung, Getränkepreise und Musik angeht, so dass der Jungbusch eigentlich immer einen Besuch wert war und aufgrund der mitunter tollen - wenn auch sanierungsbedürftigen - Altbauwohnungen zu erschwinglichen Mieten ließ bzw. lässt es sich dort auch gut leben. Mittlerweile ist der Jungbusch Standort der Popakademie, eines bekannten Radiosenders, kommt nach verschiedenen Sanierungsmaßnahmen nicht mehr ganz so schmuddelig daher und so finden sich allmählich Leute, die zuvor nie im Traum daran gedacht hätten, einen Fuß in diese Gegend zu setzen, zu diversen Veranstaltungen in den Stadtteil ein. Bei den Besuchern des gestrigen Abends kann zwar ausgeschlossen werden, dass diese sich früher nicht in den Jungbusch zu begeben wagten, aber ebenso, unterstelle ich einfach mal, hatte deren Erscheinen wohl weniger originär mit Dufus zu tun, als mit einer gewissen Cliquenbildung um den Veranstalter und gerade mit der Tatsache, dass es im Jungbusch etwas Neues gibt.

In der Erwartung, einen kleinen, dunklen Hinterhofclub vorzufinden, war ich überrascht, dass das zweigeschossige Zeitraumexit in jungfräulichem Weiß erstrahlte und das Ambiente mit den weintrinkenden Menschen eher Assoziationen in Richtung Ausstellungseröffnung weckte und weniger ein Konzert vermuten ließ, bei dem eine Band in Musik und Auftreten deutlich aufzeigt, was mit dem Anti in Antifolk gemeint sein könnte.

Dufus traten zu viert auf und begannen ihr Konzert damit, durch das Publikum zu laufen, tief zu summen und mit Bierflaschen Pfeiftöne zu erzeugen. Allmählich fanden sie sich auf der Bühne ein, um mit ihren Instrumenten, also Bass, Schlagzeug, Gitarre und Lärmkram (dazu gleich mehr) einen Klangteppich zu entfalten, der insbesondere vom Bassisten mit Sounds bereichert wurde, die man diesem Instrument, wäre man nicht Augenzeuge gewesen, nicht zugeschrieben hätte. Das Gesumme entwickelte sich nach einer Weile zum Pfeifen und schließlich zu einem hyänengleichen Geschnatter, das in wohoo Rufen kulminierte. In seiner Schrägheit stand das Bühnenoutfit von ¾ der Band dem soeben Beschriebenen in nichts nach: Seth trug ein sog. Clothestume, das ich in meiner Unwissenheit zuerst als, öhem, pennermäßiges Fetzenoutfit beschrieben hätte, der Schlagzeuger hatte eine Rittermaske auf und der Mann am Lärmkram eine rote Robe mit Kapuze unter der ein lächerliches Artisten-/Superheldenkostüm zum Vorschein kam.
Experimenteller Noise ist jedoch nicht das Hauptanliegen von Dufus, in all der Abgedrehtheit befinden sich auch durchaus konventionell arrangierte Lieder, (auf die klassische Strophe – Refrain – Strophe Struktur wird dennoch fast völlig verzichtet), wobei meine Wertschätzung der des Publikums offenbar diametral entgegenlief. Es drängte sich nämlich der Eindruck auf, dass das Publikum, dessen Altersschnitt übrigens mit deutlich über Mitte 30 über dem lag, was man sonst auf Konzerten dieser Art erwarten würde, den gefälligeren Stücke ganz besonders zusprach, während mir gruselige Assoziationen wie Melissa Etheridge durch den Kopf schossen, die glücklicherweise keine Gelegenheit fanden, sich zu perpetuieren, da Dufus doch immer rechtzeitig die Kurve kriegten und genügend Brüche und weirde Sounds einbauten, so dass sie dem Vorwurf der Glattgebügeltheit zuvorkamen. Zum einen entfernte sich nämlich der Gesang sehr oft aus der normalen Singer/Songwriter Ebene und näherte sich Gefilden an, in die Mike Patton mit Mr. Bungle und Fantomas schon ganz weit vorgestoßen ist, zum anderen widmete sich, wie bereits angedeutet, ein Musiker mit verschiedenem Geräten, wie einem elektrischen Drumstick für Kinder, einem Minikeyboard, einem Diktiergerät, womit er Passagen aufzeichnete und durch diverse Effekte verfremdet wiedergab, und einem – oho, ungewöhnlich und auf den ersten Blick gefährlich – Rasentrimmer der klanglichen Bereicherung, Untermalung und schlicht Lärmerzeugung. Besondere Größe zeigte sich immer dann, wenn sich aus all der Schrägheit und unter den Schichten zunächst wenig eingängiger Gitarrenfiguren herzergreifende Melodien herausschälten, die nicht auf den schnellen Effekt abzielten. In der Eigenschaft, aus Chaos Schönheit zu schöpfen fallen im Zusammenhang mit Dufus übrigens immer wieder die Namen Captain Beefheart und Frank Zappa.
Erwähnt werden muss unbedingt noch Dufus’ Nähe zur Performance Kunst, wobei jedoch der Übergang zur Possenreißerei fließend war. Zwischen den Stücken ließ sich die Band immer wieder zu dadaistischen Miniaturen hinreißen – oder machte einfach nur Blödsinn. Da rollte der Mann im Superheldenkostüm auf einem Brett durchs Publikum und unter der Bühne herum, später bot ihm Seth freundschaftlich „a punch in the face“ an, den er freudig annahm und auch schlichtes Topf- bzw. Schüsselschlagen wusste die Band zuerst im Sinne der Performance, dann in dem des Songs zu nutzen. Überhaupt ließ die Band sich und dem Publikum keine ruhige Minute, immer wieder gingen die Musiker bspw. in den Gitarrenstimmpausen aufeinander ein, erzeugten schönen Lärm und ließen eine Virtuosität zum Vorschein kommen, die niemals zum Selbstzweck wurde.
Nach einem außergewöhnlich langem Set – über 2 Stunden – fand das Theater sein Ende und man durfte sich an den außergewöhnlich günstigen Preisen am Merchandise Stand erfreuen. Bleibt nur noch zu wünschen, dass Dufus die berechtigte Aufmerksamkeit zu Teil wird. Nicht mal so sehr der Band wegen, sondern all der Menschen, die sich sonst weniger Hervorragendem widmen.

Nach dem Konzert schrieb mir Seth freundlicherweise noch eine Liste der gespielten Lieder auf, also keine richtige Setlist, da er sich aufgrund der spontanen Entscheidung, was zu spielen sei, nicht mehr an die korrekte Reihenfolge erinnern konnte:


Babylon Com
Neuborns
Weemamoo
Giving inn
Only down
Black + blue
How I whistle
First time
Fast touch
Turdburger
Tutu
Freedom
Wrinkle
Silly baboon
Specinal
Fun wearing underwear
Ploo-n-brof
Dawn crusade

Montag, 12. November 2007

Bloc Party, Mannheim 11.11.2007

Rosengarten

Als ich Bloc Party vor etwa 3 ½ Jahren zum ersten Mal mit, wenn ich mich recht erinnere, Little Thoughts und Banquet hörte, hätte ich nicht erwartet, sie einmal im Rosengarten live zu sehen, einem Kongresszentrum, in dem sonst Parteitage abgehalten werden, Messen stattfinden und von der Mehrheitsgesellschaft für gut und hintergrundgedudeltauglich befundene Musik der Marke Joss Stone oder Juanes (heißt der so?) aufgeführt wird. Der – jedenfalls über die Dauer einer EP und des ersten Albums – zackig zappelige Indierock mit starkem New Wave Einschlag der Band erschien mir damals als etwas für ein Dasein im Mainstream abseits der Großstädte völlig Jenseitiges. Wenn ich die mal in der Rhein-Necker Gegend live sehen werde, so dachte ich, dann höchstens in einem größeren Club, von der Spex oder dem Intro präsentiert, mit den selben Gesichtern, die man auch sonst immer wieder bei Indierockkonzerten sieht und eher niemandem, der sich wegen MTV oder einer Single, die im Dudelfunk lief, herverirrt hat. Mit der Explosion von Franz Ferdinand, der die Strokes einige Zeit zuvor den Weg ebneten, zeigte sich jedoch, dass britische Gitarrenmusik auch in Deutschland wieder ziemlich gut in der Breite funktioniert, sodass sich gegen Ende 2005 abzeichnete, dass zumindest die bedeutenderen Bands wie Maxïmo Park, Babyshambles und Bloc Party auch von denen entdeckt werden könnten, die Musik eher nebenbei wahrnehmen. Die etwas sperrigen frühen Bloc Party, also vor A Weekend In The City, mit ihrer nervösen, oft Dringlichkeit suggerierenden Musik, werden allerdings gerade nicht der Grund für den Umstand gewesen sein, dass inzwischen vergleichsweise große Säle gefüllt werden, aber der Reihe nach.

Eröffnet wurde der Abend von der englischen Gruppe Foals, die bislang lediglich in England einige Singles veröffentlicht hat und die ziemlich genau so klingen, wie man es von einem Support für Bloc Party erwarten würde, was Gutes heißen soll. Der Gesang und die Arrangements kommen recht nah an das, was Robocop Kraus machen, wobei sich bei Foals einerseits eine gewisse Fugaziverfrickeltheit heraushören lässt andererseits aber nicht die Tanzfläche aus dem Auge verloren und an der 4 to the floor Bassdrum mit offbeat Hihat gespart wird. Der gitarrespielende Sänger stand die ganze Zeit im 90 Grad Winkel zum Publikum, der zweite Gitarrist hätte am liebsten auch unentwegt mit dem Rücken zum Publikum gespielt und die Band insgesamt drängte sich auf der großen Bühne ziemlich eng zusammen. Da war man wohl noch etwas schüchtern (auch wenn der Keyboarder keine Spielpause ausließ, um auf der Bühne abzuspacken), obwohl Foals ziemlich positiv, teilweise fast euphorisch aufgenommen wurden. In einem intimeren Rahmen dürfte die Band sicher eine Granate sein, mal sehen, was da noch kommt.

Nach fast einer halben Stunde Umbaupause kamen Bloc Party auf die Bühne, wobei die Pausenmusik noch einer Erwähnung bedarf. Es handelte sich nämlich zunächst um übelsten Eurotrash, mit Klassikern wie Pump Up The Jam, bis auf die Grausamkeit Call On Me weitere schlimme aktuellere Kirmestechnohits folgten, deren Titel nicht zu kennen geradezu eine Tugend ist. Erschreckenderweise nickte eine kleine Gruppe mittelscheiteliger Menschen, die ihre Polohemden akkurat in ihre Hosen gestopft hatten, vor mir völlig unironisch zum Rhythmus und man bekräftigte sich gegenseitig, dass die gerade laufenden Lieder wirklich toll seien. Nach einer Weile kam überraschend Aphex Twins Windowlicker, das aber von niemandem in Sichtweite positiv zur Kenntnis genommen wurde und in dem Moment abgebrochen wurde, bevor der Teil mit dem alles zerfräsenden Synthesizer einsetzt. In genau dieser Sekunde ging das Licht aus und Bloc Party begaben sich unter dem Klang programmierter Beats auf die Bühne, um mit Song For Clay (Disappear Here) ihr Set zu eröffnen. Ob darin eine durchdachte Dramaturgie lag, wurde mir nicht klar, vielleicht handelte es sich bei dem Wechsel von witzig scheiße (Pump Up The Jam) zu richtig scheiße (Kirmestechno) und wiederum zu ziemlich unerwartet klasse (Windowlicker) nur um Zufall, dem keine tiefere Bedeutung entnommen werden kann.

Das Hauptriff, nach dem besinnlichen Anfang, von Song for Clay mit der durchpeitschenden Snare veranlasste den ganzen Saal in kollektives Geklatsche zu verfallen, eine Art der Publikumspartizipation, die immer wieder an prägnanten Stellen mit durchgehendem 4/4 Beat zum Einsatz kommen sollte, aber leider derart stümperhaft ausgeführt wurde, sprich, das Tempo viel zu sehr anziehend, dass es zum einen den Genuss der Musik noch mehr beeinträchtigte, als es solche Aktionen so schon tun, zum anderen, dass man dem Drummer Matt wirklich Respekt dafür zollen muss, unbeeindruckt davon tight weiter- bzw. dagegen anzuspielen.

Das darauffolgende Positive Tension hingegen verursachte bei einem wesentlich kleineren Teil des Publikums eine vergleichbar starke Reaktion, was wohl darauf zurückzuführen ist, dass viele der Anwesende nur das zweite Album A Weekend In The City kannten, doch gerade die Stücke vom Debüt Silent Alarm waren es, die von dem vielleicht mengenmäßig nicht unbedingt dominierenden Teil der Anwesenden viel ekstatischer abgefeiert wurden. Spätestens beim Überhit Banquet gab es keinen Grund mehr, sich noch höflich zurückzuhalten und die Leiber nicht der die Indiediskos seit nunmehr fast 3 Jahren beherrschenden Stop and go Dynamik aufs Schweißtreibenste zu unterwerfen.
Natürlich hatten auch die neuen Stücke etwas, insbesondere The Prayer, bei dem die Bühne in rotes Licht getaucht wurde und Uniform, aber insgesamt geht dem aktuellen Album doch das Gang of Foureske, das den früheren Stücken anhaftete, obwohl Bloc Party Gang of Four als Einfluss ablehnen, fast völlig ab. Doch gerade im brüchigen Funk mit den Mitteln des Punk, den Silent Alarm mit Gang of Four verbindet, liegt der Charme und die Einzigartigkeit Bloc Partys im Vergleich zu anderen Bands. Dementsprechend ist es fast bezeichnend, dass lediglich vier Stücke von A Weekend In The City gespielt wurden. Mit den Worten Keles, dass man ein wahrer Bloc Party Fan sei, wenn man die folgenden Lieder kennt, wurden das grandiose, an Banquet anknüpfende, Two More Years, das als Single zwischen den beiden Alben veröffentlich wurde, und The Marshals Are Dead von der ersten EP angekündigt, die aber leider etwas im Soundbrei untergingen, was den Bassbereich angeht.

Vor der Zugabenpause wurden noch So Here We Are, das zunächst allen Paaren im Raum gewidmet und schließlich dann doch an ein ganz bestimmtes an der Tür stehendes Paar adressiert wurde, dem soviel Aufmerksamkeit wohl ziemlich peinlich war, auch wenn sie dafür laut Kele keinen Grund hatten, und Like Eating Glass gespielt. Bei letzterem merkte man leider, dass bei der Band in diesem Moment doch etwas die Luft raus war, insbesondere der Schlussteil klang doch arg angestrengt und das Tempo war langsamer als auf Platte, obwohl Bloc Party live sonst geradezu eine halsbrecherisch schnelle Version spielen.

Der Zugabenteil schließlich begann mit der heute erschienenen Single Flux, womit, eine gewisse Boshaftigkeit vorausgesetzt, man sagen könnte, der Bogen zu oben angesprochenem Kirmestechno gespannt wäre. In der Studioversion liegt auf dem Gesang ein zweckentfremdeter Autotune, auch berüchtigt als der Chereffekt und der maschinengespielte Synthiebass ist doch etwas zu penetrant und weckt eher Technoassoziationen in Richtung Viva Club Rotation als Berghain und Panorama Bar. Live kommt der Song dann aber doch nicht so geschmacklich im Grenzbereich rüber, wie es sich hier liest und interessanterweise wurde auch nicht Flux, sondern She's Hearing Voices mit der Aufforderung angekündigt, man solle sich vorstellen, man sei jetzt nicht in einem alten Theatersaal, sondern in einem kleinen, dunklen, verschwitzten Club um 2 Uhr morgens am Raven und das sei der Track, auf den man gerade tanzt. Dazu wurde von Kele während des Liedes ein Mädchen auf die Bühne geholt, die sich dort oben austoben durfte.
Zum abschließenden Durchdrehen noch mehr eignete sich jedoch Helicopter, das die ein oder andere Schwäche des Abends doch noch vergessen ließ und einem deutlich machte, dass Bloc Party live nach wie vor ein großes Vergnügen sind.




Setlist:


1. Song For Clay (Disappear Here)
2. Positive Tension
3. Hunting For Witches
4. Waiting For The 7.18
5. Banquet
6. This Modern Love
7. The Prayer
8. Two More Years
9. The Marshals Are Dead
10. Uniform
11. So Here We Are
12. Like Eating Glass

Zugabe:
13. Flux
14. Price Of Gasoline
15. She's Hearing Voices
16. Helicopter


Dienstag, 23. Oktober 2007

Animal Collective, Heidelberg 21.10.2007

Karlstorbahnhof

Halbwegs pünktlich beginnende Konzerte können ein wahrer Fluch sein, wenn man sich auf einen späten Beginn einstellt und davon ausgeht, schlimmstenfalls teilweise die Vorband zu verpassen. Eine dreiviertel Stunde nach offiziellem Konzertbeginn traf ich in den Saal des Karlstorbahnhofs ein und drei Männer auf der Bühne gaben bereits interessant abgedrehte Musik zum Besten. Gut, dachte ich, – in der Annahme, dass Animal Collective ja wohl zu viert auf der Bühne stehen müssten – das wird die isländische Vorband sein, bis nach etwa fünfzehn Minuten „Unsolved Mysteries“ vom aktuellen AC Album „Strawberry Jam“ gespielt wurde und somit klar war, dass es sich bei den Musikern auf der Bühne um den Hauptact handelte. Entweder war die Vorband verdammt schnell mit ihrem Set fertig oder sie fiel komplett aus, wobei mir Letzteres wahrscheinlicher erscheint.

Der Umstand, dass ich mich jetzt noch darüber aufrege, das AC Konzert nicht vollständig mitbekommen zu haben, ist schon mal ein starkes Indiz für die Großartigkeit dieses Ereignisses.

Was AC auf der Bühne präsentieren, hebt sich deutlich vom Konzertbegriff anderer Bands ab. Wo sonst die Begeisterung des Publikums oft in wesentlichen Teilen aus dem Wiedererkennen von Bekanntem herrührt, wirken AC diesem Effekt geradezu entgegen, indem sie das Material ihrer Alben teilweise dekonstruieren, Elemente in den Vordergrund stellen, die sich bislang im Verborgenen hielten oder den Songs einfach ein völlig neues Klanggewand verpassen. Die einzelnen Stücke fransen zum Ende hin aus und verweben sich neu mit dem Kommenden, sodass ein Konzert bis auf etwa zwei kurze Unterbrechungen ein einheitliches Ganzes bildet, was dazu führt, dass man nach über einer halben Stunde für einen kurzen Moment aus einem geradezu hypnotischen Zustand erwacht und sich wundert, noch kein einziges Mal applaudiert zu haben.

Entsprechend dem elektronischen Weg, den AC auf „Strawberry Jam“ eingeschlagen haben, spielt auch auf der Bühne die akustische folkige Instrumentierung der Alben „Sung Tongs“ und „Feels“ keine Rolle mehr. Die Sounds kamen daher auch im Wesentlichen von allerlei elektronischen Gerätschaften, an denen Geologist (mit einer Taschenlampe auf dem Kopf geschnallt) und Panda Bear herumschraubten, während Avey Tare – neben Panda Bear– zum Großteil sang, gelegentlich Gitarre und Keyboard spielte und Percussioneinsprengsel einwarf.

Was die Klangästhetik von AC im Vergleich zu sagen wir mal einer konventionellen Indierockband in geradezu maßloser Weise transportiert, ist die Idee und das Gefühl von Freiheit von Gewohntem und von Konventionen, da Anbindungen zu geläufigen Musikstilen praktisch nicht vorhanden sind; es stellt sich das Gefühl ein, dass man hier etwas völlig Neues zu hören bekommt. Klar, der Subbass hier und da oder gewisse Synthiesounds vermitteln eine Ahnung von Clubmusik, aber nur um daraufhin vom lautmalerischen Gesang überlagert zu werden und sich auf keinen Fall dem Diktat einer schematischen Funktionalität zu unterwerfen, die oft mit elektronischer Tanzmusik verbunden werden kann.

Gelegentlich meinte man, im nächsten Moment die technomäßige Abfahrt oder einen rockistischer Ausbruch vorausblicken zu können, strukturell legten AC in einigen Stücken jedenfalls die Grundlage sowohl für die eine, wie auch für die andere Konsequenz. Diese Erwartungen wurde jedoch nicht erfüllt, stattdessen zogen AC das Publikum immer tiefer in einen Sog aus flirrenden Synthiesounds („#1“), sich langsam aus Beatgewitter herausschälenden Semihymnen („Fireworks“) und Avey Tares wild die Oktaven wechselndem Gesang, der insgesamt eher wie ein zusätzliches Instrument eingesetzt wurde. Das Aufbauen von letztlich nicht aufgelöster Spannung, das vom Publikum auch während der Stücke mit Rufen und Pfiffen der Begeisterung honoriert wurde, fand seinen Höhepunkt in „We Tigers“, das aus kaum mehr als wütendem synchronen Geshoute der drei Musiker bestand und vom gleißenden Licht der entlang des hinteren Bühnenrandes aufgebauten LED Leuchten, die während des ganzen Konzerts in Verbindung mit der Musik zur wahren Reizüberflutung im besten Sinn beitrugen, in seiner Wirkung nochmals potenziert wurde.

Nach einer Zugabe –„Leaf House – endete ein Konzert, das man mit dem Gefühl verlassen durfte, wirklich Außergewöhnlichem beigewohnt zu haben.